Journal 2 - 2001
Unsere Mischpoche - Unsere Kehille

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Eine Podiumsdiskussion, moderiert von Sandra Lustig
Übrig Sein - Leben "danach"

Wiederaufbau jüdischen Lebens in Europa.

Podiumsteilnehmerinnen:

Lynn Feinberg lebt in Oslo und hat wesentlich bei der Gründung von zwei Rosch-Chodesch-Gruppen mitgewirkt. Kürzlich schloß sie ihr Studium der Religionsgeschichte ab.

Dr. Jael Geis promovierte in Geschichte. Ihr Dissertationsthema: "Übrig sein - Leben 'danach'. Juden deutscher Herkunft in der britischen und amerikanischen Besatzungszone in Deutschland zwischen 1945-1949" hatte zu dieser Podiumsdiskussion angeregt. Sie lebt in Berlin und war von Anfang an aktives Mitglied der "Jüdischen Gruppe".
Wanya Kruyer, Soziologin und Historikerin, arbeitet als Journalistin in Amsterdam. Sie ist Mitbegründerin der progressiv egalitären Gemeinde Beit ha'Chidush.

Dr. Eleonore Lappin hat in vergleichender Literatur- und jüdischer Geistesgeschichte promoviert. Sie arbeitet im Institut für Geschichte der Juden in Österreich. Sie ist in Wien in der Liberalen Gemeinde Or Chadash aktiv. Dr. Andrea Petö studierte Geschichte und Soziologie. Sie war Professorin (assistant professor) an der Zentralen Europäischen Universität Budapest und lehrte auch an anderen Universitäten. Derzeit ist sie Präsidentin der feministischen Sektion der Soziologischen Vereinigung Ungarns.

Lynn Feinberg

Als am 9. April 1940 der Krieg begann, gab es in Norwegen etwa 1.800 Juden. Etwa 760 norwegische Juden wurden nach Auschwitz deportiert. Die Mehrheit des Rests floh nach Schweden. Von den 760 Deportierten kehrten nur 25 zurück. Einer von ihnen war mein Vater. Das jüdische Leben nach dem Krieg - ich wurde 1955 geboren - bestand darin, das wiederherzustellen, was zuvor bestanden hatte, das Leben wieder in Gang zu bringen. Doch es war wie eine Hülle, für mich gab es darin keine innere Spiritualität. Judentum wurde mir nur in traditioneller Weise vermittelt. Ich denke, daß dies bei vielen Nachkriegsjuden in Europa ähnlich war. Die Gemeinde in Oslo nennt sich orthodox.

Ich würde aber sagen, daß über 90 Prozent der Mitglieder liberal sind. Die meisten Juden fahren am Schabbat mit dem Auto zur Schul' (Synagoge), nur wenige leben koscher. Viele der neuen Gemeindemitglieder sind konvertiert. Heute gibt es ungefähr 950 Juden in Oslo, rund 250 oder sogar weniger in Trondheim. In Trondheim ist es sehr schwer, einen Minjan [Gebetsgruppe von zehn Männern] zu bilden, so daß aus dieser Not heraus neuerdings Frauen mitgezählt werden. (Lachen). Aber in Oslo haben wir noch immer die Frauengalerie, auf der ich während des Gottesdienstes sitze.

Ich bin der Synagoge über viele Jahre fern geblieben und suchte mein spirituelles Zuhause anderswo. Aber irgendwie habe ich darauf bestanden, eine Brücke zwischen Judentum und spirituellem Leben zu finden. Durch die Astrologie kam ich zur Kabbala. Ich erkannte, daß die Kabbala einige meiner Fragen beantwortete und zu anderen Fragen, etwa der inhärenten Dichotomie des Geschlechterverhältnisses anregte. Die Kabbala führte mich tiefer ins Judentum hinein. Dies kulminierte schließlich in der Idee, Rosch-Chodesch-Gruppen [Frauentreffen zum Neumond] als Foren zu entwickeln, in denen das Judentum miteinander geteilt und erforscht werden kann, sowohl aus einer Frauen-, als auch aus einer mehr spirituellen Perspektive.

Der Auslöser für meine jüdische Suche war, daß ich mich als alleinerziehende Mutter mit zwei jüdischen Söhnen für deren Brit Mila [Beschneidung] entschieden hatte. Ich war zu diesen Zeit noch mit einem Nichtjuden verheiratet, und der war gegen eine Beschneidung. Als ich meine Söhne später in den jüdischen Gemeindekindergarten schickte, begann meine Resozialisation in der jüdischen Gemeinde. Ich wurde eine "freiwillige Jüdin". Mein Verständnis von Judentum ist definitiv nicht als orthodox anzusehen. Es ist vielmehr von der Frage geleitet, welche Teile ich übernehme, weil sie für mein Alltagsleben wichtig sind. Da wir in Oslo so wenig Juden sind, wird jeder gebraucht. Ich werde nicht ausgeschlossen, wenn ich neue Ideen einbringe, ich bin tatsächlich damit willkommen.

Die erste Rosch Chodesh Gruppe wurde auf meine Anregung hin von einer der etablierteren jüdischen Frauen in unserer Gemeinde gegründet. Diese Gruppe war sehr interessant, da alle für Lernen und Erfahrungsaustausch aufgeschlossen waren. Zum ersten Mal machten wir unseren eigenen Kiddusch [Segen über Wein und Brot] und unsere eigenen Zeremonien, etwas, von dem wir zuvor nur erlebt hatten, daß Männer dies tun. Die zweite Gruppe bestand aus weniger etablierten Frauen, es fehlte an jüdischem Grundwissen. Daraus wurde dann eine Gruppe für jüdische Frauen, die sich mehr aus sozialen Gründen traf.

Es hat Vorschläge gegeben, unsere Gemeinde zu liberalisieren. Viele lehnen diese Idee aus der Furcht ab, das könnte die erste Stufe zur Assimilation sein. Da wir so wenige sind, macht es keinen Sinn, zwei Gemeinden zu bilden. Wir haben einen in England geborenen Rabbiner. Ich rede mit ihm relativ offen. Zwischen den Zeilen bedeutete er mir: "Nun ja, natürlich können Sie einen Frauen-Minjan bilden, für mich geht das in Ordnung, aber seien Sie vorsichtig, denn Sie sollten nicht die Gemeinde spalten."

Meine nächste Idee ist die Gründung einer Frauen-Betgruppe, in der Frauen die Erfahrung machen können, wie es ist, wenn man aktiv am Gottesdienst teilnimmt. Es ist nicht mein Ziel, das orthodoxe Judentum zu verändern, sondern Fragen zu stellen und damit zu beginnen, ein Judentum zu praktizieren, auf das ich mich beziehen kann.

Wanya Kruyer

Die Geschichte ist wie folgt: Die Juden in Holland wurden von den Holländern gerettet. Als ich in Amsterdam aufwuchs, galt der Mythos: Die Holländer kämpften im Widerstand gegen die Deutschen. Die Holländer versteckten Juden, verteilten Lebensmittelkarten und retteten jüdische Kinder. Niemand machte mich auf das Ende der Geschichte von Anna Frank aufmerksam: Sie und ihre Familie wurden von ihren holländischen Nachbarn verraten, das war das Schicksal von 76 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Holland. Über 90 Prozent der Juden Amsterdams kamen im Holocaust um. Als ich in der Stadt aufwuchs, was der "Anne-Frank-Mythos" allgegenwärtig.

Als ich mein bewußtes jüdisches Leben in den 80er Jahren begann, stieß ich auf viele Menschen wie mich: Männer und Frauen, die mit einem sehr komplexen und ambivalenten Erbe lebten, die in Familien aufgewachsen waren, welche integriert und assimiliert sein wollten, zumindest in die holländische Gesellschaft integriert, die ihre Holocaust-Traumata hatten und damit eine vielschichtige Beziehung zu ihrer holländischen Umgebung. In den späten 80er, frühen 90er Jahren habe ich viele Reisen in die USA gemacht und dort kleine Gemeinden besucht, die mit der Reconstruction- und Renewal-Bewegung verbunden sind, sowie einige Reformgemeinden in Großstädten. Ich sah ein jüdisches Leben, wie ich es in Holland nie erlebt hatte, ein jüdisches Leben, das pulsierte, unkompliziert war, nicht von Traumata überschattet war. 1995 wirkte ich bei der Gründung einer neuen Gemeinde: Beit ha'Chidush, "Haus der Erneuerung" mit. Ich kam zu diesem plötzlichen, für mich unerwarteten Schritt, weil ich den Bezug zu unserer Tradition und Geschichte vermißte. Heute ist Beit ha'Chidush eine Gemeinde wie andere Gemeinden, doch sie ist offener, informeller und erlaubt mehr Teilhabe als die etablierten Gemeinden. Aber wir werden wieder zusammenwachsen.

Ich war nie verheiratet und habe nie ein Kind gehabt. Damit bin ich nicht die einzige in unserer jüdischen Altersgruppe. Die meisten meiner jüdischen Freunde in ihren 30ern, 40ern und 50ern haben keine eigenen Kinder. Aber neuerdings passiert etwas anderes, wir bekommen einen Bevölkerungszuwachs aus anderen Teilen der Welt, hauptsächlich aus Israel. Meine Familie besteht aus einer amerikanischen Studentin, die für ein Jahr zum Studium nach Amsterdam gekommen ist. Ich bin ihre "Gastfamilie" im Rahmen eines Programms mit dem Titel "Geschlecht und Sexualität" zwischen der School of International Training in Vermont (USA) und der Universität Amsterdam, an der ich in den späten 70er Jahren studierte. Sie finden immer ein jüdisches Mädchen für mich. So habe ich meine kleine Familie mit zwei verschiedenen Pflegetöchtern pro Jahr. In der Regel gesellte sich in den vergangenen zwei Jahren an meinen Schabbatabenden noch ein junger Mann um die 30 zu uns, der in Amsterdam studiert und arbeitet, und dessen Mutter ich vor zwei Jahren hier bei Bet Debora kennengelernt habe. So habe ich mir meine eigene kleine Familie geschaffen.

Eleonore Lappin

Als wir vor elf Jahren Or Chadash gegründet haben, war das etwas ganz Neues in Wien, und gelingen konnte das deshalb, weil es Menschen gab, die das nicht-orthodoxe Judentum kannten - aus der Schweiz, aus Israel, aus den Vereinigten Staaten. Seit März haben wir eine Rabbinerin - eine für Wien ganz fremde Idee - Eveline Goodman-Thau, die selbst aus Wien stammt.

Die Wiener Gemeinde war immer eine Gemeinde von Zuwanderern aus Polen, Galizien, Ungarn, Böhmen, Mähren. Ungefähr diese Zusammensetzung hatte die Nachkriegsgemeinde auch wieder. Österreich war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Transitland in die USA, nach Palästina/Israel, und einige der sehr vielen DPs [displaced persons] sind in Wien hängengeblieben. 1938 gab es vielleicht 180.000 Juden in Wien. Heute hat die israelitische Kultusgemeinde ca. 7 000 Mitglieder. Und dennoch, im Gegensatz zu Deutschland versucht die Wiener Gemeinde einen gewissen Anschluß an die Vorkriegstradition zu finden. Wenn man von Identitätsmustern spricht, dann hat die Vorkriegsgemeinde noch eine gewisse Kraft, und diese war orthodox. Es gab keine liberalen Bethäuser in Wien vor dem Zweiten Weltkrieg.

Heute haben wir nicht weniger als drei jüdische Schulen. An sich sehr erstaunlich und für uns Wiener Juden eine Tatsache, die uns mit Stolz erfüllt. Wir haben ein Schulwesen; für die Zukunft unserer Kinder ist gesorgt. Die erste jüdische Schule wurde 1980 gegründet und ist heute das Zwi-Perez-Chajes-Gymnasium mit zugehöriger Volksschule und Kindergarten. Ich habe meine Tochter dorthin geschickt. Ich hatte nämlich in meiner Kindheit wirklich den Religionsunterricht durchlitten, er war entsetzlich, ein vergeudeter Nachmittag pro Woche, nachher hat man nicht einmal hebräisch lesen können. Aber immerhin hat man den Fuß in der jüdischen Kehilla [Gemeinde] gehabt, und deshalb ist man hingegangen.

Für meine Tochter sollte es etwas besseres geben, und wir wollten ja wirklich jüdisches Leben in Wien schaffen. Die Schule ist von gutem Niveau. Das war auch wichtig: die jüdische Schule mußte leicht elitär sein, mindestens so gut wie das Lycée Francaise, sonst bekommen wir keine Kinder. Denn die inoffizielle jüdische Schule war das Lycée Francaise. Wir waren besser, wir haben vier Fremdsprachen bei der Matura unsere Kinder: lauter jüdische Genies. Meine Tochter war beim ersten Maturajahrgang, und jetzt schaue ich mir an, was aus dieser Klasse geworden ist. Zwei Drittel dieser Kinder leben nicht mehr in Wien. Das heißt, genau das, was ich mir anhören mußte, als ich mich entschlossen habe, meine Tochter in diese jüdische Schule zu schicken, ist eingetreten: "Sie wird zu jüdisch werden, schick sie nicht zurück ins Getto. Wie soll sie es hier in Österreich schaffen?" Und ich habe gesagt: "Um hier leben zu können, braucht sie jüdische Bildung."

Und nun leben die Kinder nicht mehr hier. Meine Tochter lebt in Jerusalem. Es stellt sich hier wirklich die Frage: wenn man Kinder mit einem jüdischen Bewußtsein aufziehen will, und vielleicht auch noch mit ein bißchen jüdischer Erziehung, dann muß man sie irgendwo ins Getto schicken. Und wo bleibt dann die jüdische Erneuerung, wenn diese Kinder weggehen? Meine Tochter sagt mir, "Ich werde keinen Mann heiraten, den ich bereits mit zehn Jahren kennengelernt habe." Und so geht es den meisten. Das heißt, diese Kinder, wenn wir sie in geschlossenen Gruppen halten, dann haben sie keine Zukunftsperspektiven. Was ist zu tun? Das möchte ich hier wirklich mal in den Raum stellen, weil ich glaube, daß das ein ganz wichtiges familienpolitisches Thema ist.

Andrea Petö

Anfang des Jahres 2001 wurde eine Volkszählung in Ungarn gemacht. Dabei gab es drei Fragen, bei denen sich Juden als Juden identifizieren konnten. Die erste betraf die Nationalität. Für ungarische Juden war das "ungarisch". Die zweite betraf die Religion. Da 90 Prozent aller ungarischen Juden nicht religiös sind, gaben die meisten "atheistisch" oder keine Antwort an. Und die dritte betraf die kulturelle Identität. Das war eine offene Frage, was heißen soll, die meisten Menschen haben sie nicht verstanden. In der Anleitung zum Fragebogen stand, daß sich die letzte Frage auf die Muttersprache beziehe, und diese ist in den meisten Fällen "ungarisch". Es gab eine Debatte über die Ergebnisse, aber grundsätzlich wurden - je nachdem, wer gefragt war - 70, 50, 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Ungarns durch diese Art der Herangehensweise unsichtbar. Im Jahr 1990 beschloß die jüdische Gemeinde Ungarns, daß sie sich weder als Nationalität noch als ethnische Gruppe definieren würde, sondern als Religion: In einer Gemeinschaft, die zu 90 Prozent nicht religiös ist, ist das ziemlich problematisch.

Szombat [Schabbat], die Zeitschrift des Jüdischen Kulturvereinigung Ungarns - das sagt etwas über ihre Orientierung - war die erste, die in ihrem Teil "Esthers Tasche" Frauenthemen aufbrachte. Viele Frauen von uns, die über 30 sind, beschlossen, eine andere Form von Publikation zu wählen, teils Journal, teils akademische Texte, auch Literatur, die die Geschlechterverhältnisse reflektiert. Bisher ist dies das einzige regelmäßig erscheinende feministische und intellektuelle Produkt in der ungarischen Presselandschaft. Wir legen Wert auf den demokratischen Charakter unserer Arbeit. Jede Ausgabe hat zwei Herausgeberinnen, was dafür sorgt, daß wir voneinander lernen können. Aber es gibt ein Problem: Wir schreiben für ein Publikum, das nur in unserer Vorstellung besteht, ein "imaginiertes" Publikum. Es macht uns Spaß, wir lieben es, Zeit miteinander zu verbringen und die Artikel zu lesen, zu essen - jedesmal machen wir ein Fest daraus - aber die Sache ist die, daß wir zwei Dinge tun: wir schaffen eine Gemeinde für uns selbst, und wir konstruieren durch unsere Texte ein Publikum.

Trotzdem ist die Auflage von Szombat seit Januar 2001, seitdem wir den sogenannten Frauenteil einführten, gestiegen. Das war ein überraschendes Ergebnis. Inzwischen erscheint Szombat mit monatlich 2.500 Exemplaren. Sie könnten meinen, das ist nichts, aber für eine imaginierte jüdische Gemeinde wie die in Ungarn ist das sehr viel. Rechnet man die Zahl der Leserinnen und Leser, nicht die der verkauften Exemplare rechnet, dann geht das in die 10.000.

Jael Geis

Die Jüdische Gruppe in Berlin, auch wenn's die nicht mehr gibt, hat in mancher Hinsicht den heutigen Gruppen außerhalb des Mainstreams den Weg geebnet. Sie gründete sich im Protest gegen den Einmarsch israelischer Truppen in den Libanon 1982, und gegen die Politik der jüdischen Gemeinden, die Politik von Israel auf keinen Fall öffentlich zu kritisieren, nach dem Motto: "my country, right or wrong." Die meisten Mitglieder verstanden sich als mehr oder minder säkulare, linke Intellektuelle, die kritisch zu gesellschafts- und kulturpolitischen Fragen der jüdischen und deutschen Gesellschaft Stellung nahmen. Die Abneigung zwischen der Jüdischen Gemeinde und der Jüdischen Gruppe beruhte zunächst auf Gegenseitigkeit. Die starren Strukturen in den jüdischen Gemeinden sind ein Produkt der jüdischen Nachkriegsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland. Jüdisches Leben zeichnete sich durch folgende Tatsachen aus,

(a) ein Politikum zu sein,

(b) eine schnelle Institutionalisierung und eine sehr langsame Regenerierung, mit den zentralen Problemen geistiger, religiöser und kultureller Verarmung,

(c) eine äußerst ambivalente Haltung hinsichtlich des Verbleibs im "Land der Mörder" und

(d) eine große Heterogenität trotz der geringen Anzahl von Juden - bis zu Beginn der 90er Jahre gab es in Deutschland ungefähr 30.000 Gemeindemitglieder gegenüber knapp einer halben Million vor Hitlers Machtantritt.

Das mehr oder minder latente Gefühl der Bedrohung und die sich daraus ergebende Belagerungsmentalität begünstigten erstens undemokratische Strukturen innerhalb der Gemeinden und hatten zweitens zur Folge, daß Juden in der Öffentlichkeit geschlossen, homogen auftreten zu müssen meinten, oder sich in die Unsichtbarkeit zurückzogen. Die Unsichtbarkeit realer Juden war an eine hohe Präsenz der toten Juden in der Öffentlichkeit gekoppelt.

Ich möchte an den Hintergrund erinnern, vor welchem meiner Ansicht nach die Frage der Familie nach der Schoa diskutiert werden muß. Der Ausrottungsversuch der Nationalsozialisten zielte nicht auf jüdische Individuen, sondern auf die Juden als Volk; er schloß sowohl die Geschichte als auch die Zukunft mit ein, das heißt die Kinder und das Fortpflanzungspotential. Alle potentiellen Eltern nach der Schoa waren also mit der physischen und psychischen Wiederherstellung von Elternschaft konfrontiert, auch wenn sich die Frage den Individuen nicht so gestellt haben mag. Ein Kind war ein handfester Beweis für das eigene Überleben und spielte im allgemeinen eine Rolle in den Wünschen der Eltern nach Ungeschehen machen, Ersatz, Kontinuität und Widerlegung der nationalsozialistischen Doktrin. Jedes nach Hitler geborene Kind war ein Triumph über die Verfolger. Wir sollten uns, und mit "uns" meine ich alle Jüdinnen und Juden jeden Alters, also nicht wundern, daß wir auch heute noch mit den Folgen dieses nicht vollständig geglückten Vernichtungsversuchs zu tun haben.

Das Trauma der Vernichtung war kollektiv und die Folgen sind es auch. Jüdische Nachkriegsgemeinden in Deutschland waren überdurchschnittlich viel mit sozialen Aufgaben befaßt, mit der Betreuung von Überlebenden und deren Familien sowie von Waisen und Flüchtlingen. Sie waren gefordert und sicher auch überfordert, das zu kompensieren, was diese meist unvollständigen und/oder auseinandergerissenen Familien, oft "Zweitfamilien", nicht realisieren konnten, wie z.B. auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen oder bei mehrfach gebrochenen Traditionen ein jüdisches Leben zu führen. Vor allem, wenn die Gemeinden starr an konventionellen Formen der Ausübung des Judentums festhielten und an hierarchischen Strukturen. Und daß dem Festhalten an überkommenen Strukturen nach den Verlusten der Schoa große Bedeutung zukommt, sollte eigentlich nicht überraschen. Diese Gemeinden waren schließlich ebenso von der Verwüstung betroffen und mußten unter ebenso widrigen Umständen aufgebaut werden wie die Familien.

Ich möchte eine Frage an das Publikum richten, die ich nicht sofort als Appell verstanden wissen möchte: Warum gibt es ausgerechnet in Deutschland keine Organisation von Kindern Überlebender? Eine Organisation, in der diese Generation selbst aktiv ist. Und nicht Angebote für sie.

Diskussion mit dem Publikum

Esther Kontarsky

Es wurde darüber gesprochen, daß die Jüdische Gemeinde nach 1945, gerade in Deutschland, eher einem Belagerungszustand glich, und daß das sehr stark mit Mißtrauen zu tun hatte. Gerade das Wort Spiritualität hat sehr stark mit Vertrauen zu tun. Das Glatteis, was jüdische Identität nach 1945 betrifft: es reicht ja nicht aus, so etwas überlebt zu haben. Was kann als Gegenpol dazu bestehen? Das, was als Gegenpol dazu bestehen würde, würde Vertrauen voraussetzen. Wie kann man das entwickeln?

Jael Geis

Meinst du damit Vertrauen in die Umwelt? Daß die anderen ihre Hausaufgaben gemacht haben?

Esther Kontarsky

Vertrauen in sich selbst, einfach ein Grundvertrauen, Vertrauen in das Leben überhaupt, und in das, was einen umgibt. Daß die Umwelt ein ganz aktiver Faktor ist, ist gar keine Frage. Warum fühle ich mich manchmal etwas merkwürdig mit Leuten, die konvertieren, die konvertiert sind? Ich weiß, daß es völlig ungerecht ist, und daß ich mich da wirklich in die Nesseln setze. Aber ich denke, daß dieses Unbehagen tatsächlich aus der Tatsache kommt, daß sie meist etwas mitbringen, ein Vertrauen, das ich nicht habe. Das hat nichts mit Neid zu tun, es ist einfach ein Unbehagen, es ist etwas, was mir völlig fehlt. Und ich weiß auch nicht, wie sich das mit der Zeit entwickelt.

Zur Frage nach den Organisationen der Zweiten Generation. Rabbiner Jonathan Magonet war vor kurzem in Berlin und hat darauf hingewiesen, daß seinem Eindruck nach in Holland gerade an dieser Frage viel stärker gearbeitet wird. Und die Frage ist dann tatsächlich auch: was ist denn der Unterschied zwischen der Arbeit in Holland und der Arbeit in Deutschland? Beides sind Überlebendengemeinden. Ich möchte hier einen Eindruck wiedergeben von einem psychotherapeutischen Workshop in Holland und demselben Workshop in Deutschland. Im Fall von Holland war offensichtlich, daß viel genauer überhaupt artikuliert wird, was man braucht, daß man leidet, sich fürchterlich fühlt usw. und hier in Deutschland ist es viel stärker sublimiert.

Lidia Drozdzynski

Es hat in Köln seit 1994 eine Zweite-Generations-Gruppe gegeben, wahrscheinlich die erste in Deutschland. Wir haben vier Jahre lang miteinander gearbeitet, mit einem Therapeuten, denn wir wußten, daß wir professionelle Hilfe brauchen. Das Thema der Zweiten Generation wird vielleicht auch aus dem Grunde nicht publik, weil es in der Ersten Generation in den Gemeinden sehr tabuisiert wird. Das bedeutet, wenn die Zweite Generation dieses Tabu bricht, müßte sie eine Unterstützung haben. Es ist keine politische Arbeit, es ist eine psychologische. Der Begriff des Vertrauens hat mich sehr berührt. Ich finde das sehr mutig, weil ich mich mit einem ähnlichen Problem herumschlage. Hier ist vom kollektiven Trauma und kollektiven Folgen gesprochen worden. Genau dieses Trauma, daß das Urvertrauen meinen Eltern geraubt worden ist, und daß das auf mich in der Zweiten Generation übertragen wurde, bedeutet, daß ich nicht imstande bin, zur Spiritualität zu finden, denn ich habe dieses Vertrauen nicht. Ich muß faßbare Dinge haben, ich schwebe in einem Zwischenraum, und kann den Platz sehr schwer für mich finden.

Lara Dämmig & Elisa Klapheck

Wir gehören auch der Zweiten Generation an, wir haben aber im Laufe der Zeit angefangen, den Begriff abzulehnen. Mit diesem Begriff definiert man sich über die Schoa, die wir aber nicht selbst, sondern unsere Eltern oder Großeltern erlebten. Unsere jüdische Identität bleibt somit im Trauma gefangen - ohne auf eine positive Grundlage zu gelangen. Deshalb sind wir dazu übergegangen - das mag jetzt provokativ klingen - uns als Erste Generation zu sehen, als "Erste Generation danach". Wir wollen etwas Neues aufbauen, das aber auf den alten Traditionen basiert. Deshalb findet diese Konferenz auch hier, an diesem Ort statt - auf der Frauenempore der größten Berliner Synagoge, dem Ort, wo auch Rabbinerin Regina Jonas gewirkt hat.

Elizabeth Tikvah Sarah

Diese ganze Auffassung vom Wiederaufbau des jüdischen Lebens: Ich denke, wir müssen es mit den Bestandteilen tun, aus denen wir heute sind, und mit uns selber beginnen. Ich spreche beides an, die Frage der Spiritualität und die Bemerkung "Wir schicken unsere Kinder in jüdische Schulen und dort werden sie schrecklich jüdisch und wollen nicht mehr mit uns leben." Der zionistische Traum ist verflogen, und wir wollen nicht, daß unsere Kinder allesamt nach Israel rennen. Ich sage nicht, daß wir Israel nicht wollen und unsere Kinder dorthin abhauen. Wir wollen, daß unsere Kinder einen eigenen Weg finden, wer immer sie sind, wo sie sind, als Deutsche, als Ungarn, was auch immer. Das ist die wirkliche Aufgabe.

Sylvia Rothschild

Ich habe innerlich gekocht bei einigen Dingen, die ich hier gehört habe! Die wirkliche Frage ist doch: Was braucht man - ich weiß nicht, ob das nur Frauen betrifft - damit die Juden in Europa in der Zeit nach der Schoa ihre eigene Authentizität behaupten? Denn ich höre, daß Leute über die "wahre" Gemeinde sprechen, in der "wir" alle unsichtbar sind. Und über die "offizielle" Gemeinde, und daß "wir diese nicht spalten sollten". Und so weiter und so weiter. Mir erscheint das lächerlich. Jüdische Gemeinden waren stets pluralistisch, es ist Tradition, viele verschiedene Arten von jüdischen Gemeinden zu haben. Während der gesamten Zeit, die ich hier bin, höre ich vom "Mangel an Authentizität" bei allem, was wir schaffen, weil die "wahre" Gemeinde irgendwo außerhalb ist. Sie ist "offiziell", sie ist "traditionell",...

Andrea Petö

Sie ist reich!

Sylvia Rothschild

...sie ist reich. Na und?! Du kannst eine Gemeinde in der Küche von irgendwem gründen. Man muß nicht warten, bis Geld zu einem fließt. Man muß sich keine Sorgen machen, was die Deutschen über Juden in Deutschland denken. Man muß sich keine Gedanken darüber machen, was die Einheitsgemeinde in Norwegen meint oder was auch immer. Wenn die Mehrheit der Gemeinschaft außerhalb der offiziellen Gemeinde steht, dann spricht das für sich. Eine der Sachen, die ich vor einigen Jahren gelernt habe ist, daß das Wort "Autor", also jemand, der etwas schreibt, mit dem Wort "authentisch" zusammenhängt. Jetzt schreibst du an deiner eigenen Authentizität.

Elizabeth Tikvah Sarah

Ich denke, wir müssen folgendes tun: ehrlich sein, die verschiedenen Elemente unserer jeweiligen Situation zusammenbringen, egal wo wir sind - ob in Wien oder Budapest oder Berlin oder Norwegen. Zu akzeptieren, wo wir leben, und dabei zugleich unsere Jüdischkeit erforschen. Das bedeutet für mich nicht, in der Vergangenheit zu leben, sondern unsere eigene Reise als jüdische Reise zu begreifen und einen Weg zu finden, auf dem wir uns mit den Symbolen und Ideen und den Geschichten in Beziehung setzen können.

Elisa Klapheck & Lara Dämmig

Was Rabbinerin Rothschild gesagt hat, ist sehr wichtig. Wir machen Bet Debora in der Gemeinde, hier in Berlin. Wir sind nach Amerika gefahren, nach Israel, um uns zu orientieren. Aber irgendwann haben wir gedacht: wir müssen hier authentisch sein können, an unserem Ort. Wir sehen Bet Debora nicht als etwas, das außerhalb der Gemeinde ist, ganz im Gegenteil. Wir möchten innerhalb der Gemeinde einen Diskurs anfachen, aber auch außerhalb, in der nichtjüdischen Gesellschaft. Wir sehen uns in dieser Gesellschaft, nicht in einer Nische außerhalb. Auch wenn wir nicht von allen in der Gemeinde geliebt werden, aber damit müssen wir umgehen.

Wanya Kruyer

Ich bin ganz und gar einverstanden. Beit ha'Chidush, die neue Gemeinde, die ich vertrete, ist Teil der Gemeinde in Holland, und wenn uns andere nicht akzeptieren, dann haben sie ein Problem.

Alice Shalvi

Eine der interessantesten Entwicklungen im heutigen Israel nennt sich "die jüdischen Bücherregale zurückerobern". Menschen, die überhaupt nicht religiös aktiv sind, fühlen, daß ihnen ihre Erbschaft vorenthalten worden ist, weil sie in das staatliche Schulsystem und nicht in die jüdischen Religionsschulen gegangen sind. Sie gründen jetzt zahlreiche batej midrash [Lehrhäuser] um Judentum zu studieren. Ich finde, das ist eine wunderbare, ermutigende Entwicklung.

Wanya Kruyer

Als ich von der Entdeckung jüdischen Lebens in Amsterdam sprach, habe ich genau über dieses Zurückerobern unserer Bücherregale seit den 80er Jahren in Holland gesprochen. Die Rückgewinnung unserer Kultur, unseres Theaters usw. usw. Viel später entwickelte sich dieses Konzept auch in Tel Aviv, und ich bin stolz, zur Vorhut bei der Rückeroberung der Bücherregale zu gehören und nicht hinterher zu laufen! Und jetzt fordert eine kleine Gruppe auch unsere Rituale und unsere Spiritualität ein, und sie fordert nicht nur ein, sondern erneuert sie auch, und sie entdeckt aufs Neue, wie sie in unserer gegenwärtiges Leben einzufügen sind. Indem wir also unsere Bücherregale zurückerobern, verfügen wir über ein sehr offenes und umfassendes jüdisches Leben.

Auszüge einer Podiumsdiskussion während der Tagung, moderiert und ediert von Sandra H. Lustig. Die vollständige Diskussion erscheint demnächst in: Sandra H. Lustig, Ian Leveson (Hrs.): Turning the Kaleidoscope. Towards a European Jewish Identity.

Sandra Lustig wurde in Washington, DC/USA als Tochter deutsch-jüdischer Eltern geboren und lebt seit langem in Deutschland. Sie war maßgeblich an der Organisation der Tagung "Galut 2000 - Aufbruch zu einer europäisch-jüdischen Identität" im Dezember 1998 in Berlin beteiligt.

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