Journal 2 - 2001
Unsere Mischpoche - Unsere Kehille

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Ruth Herzka-Bollinger
Das Wesentliche hat keine Worte

Das jüdische Selbst im Spannungsfeld
von Ich-Identiät und Wir-Identität

Persönliche und kollektive Bilder

Für die Schweizer bin ich
nur eine Jüdin.

Für die Juden bin ich
nur eine Kommunistin.

Für die Kommunisten bin ich
nur eine Künstlerin.

Für die Künstler bin ich
nur eine Frau.

Für die Frauen bin ich
nur ein Fräulein mit einem Kind.

Alis Guggenheim (1896-1958)

Psychologisch beruht die Identität des Ich auf der Stetigkeit, dem stetigen Zusammenhange der psychischen Vorgänge, sowie auf der Konstanz des durch alle Erlebnisse hindurchgehenden "Grundwillens", eines "selben" (Ding, Individuum, Begriff usw.). Der soeben zitierte Ausspruch der Bildhauerin A. Guggenheim, umschreibt in eindrücklicher Art und Weise die Vielschichtigkeit und Komplexität ihrer Identität und die gleichzeitig damit verbundene Gefährdung, Aufsplitterung derselben durch die jeweilige Umwelt. Eine Situation, die den meisten hier Anwesenden nicht fremd sein dürfte.

Identitätsfragen sind in erster Linie psychologische Fragen. Doch schon Freud, der Begründer der Tiefenpsychologie, hat sich über seine jüdische Identität nur sehr vage geäussert. Im Vorwort zu hebräischen Fassung von "Totem und Tabu" schrieb er 1930: "Keiner der Leser dieses Buches wird sich so leicht in die Gefühlslage des Autors versetzen können, der die heilige Sprache nicht versteht, der väterlichen Religion- wie jeder anderen - völlig entfremdet ist, an nationalistischen Idealen nicht teilnehmen kann und doch die Zugehörigkeit zu seinem Volk nicht verleugnet hat, seine Eigenart als jüdisch empfindet und sie nicht anders wünscht (...). Fragte man ihn: Was ist an dir noch jüdisch, wenn du alle diese Gemeinsamkeiten mit deinen Volksgenossen aufgegeben hast?, so würde er antworten: Noch sehr viel, wahrscheinlich die Hauptsache. Aber dieses Wesentliche könnte er gegenwärtig nicht in klare Worte fassen (...)".

Soweit bekannt, benutzte Freud den Begriff Identität nur einmal, und zwar in einem psychosozialen Zusammenhang. Bei dem Versuch, seine Bindung an das Judentum zu formulieren. Der Begriff der Identität weist bei ihm auf ein Band hin, das den einzelnen Menschen mit den von seiner einzigartigen Geschichte geprägten Werten seines Volkes verbindet.

Erikson ist einer der Ich-Analytiker die dem Menschen die Fähigkeit zuschreiben, seine Umwelt zu kontrollieren und Zeitpunkt und Mittel zur Befriedigung bestimmter instinktähnlicher Triebe selbst zu wählen. Gemäss seiner Auffassung beruht das bewusste Gefühl, eine persönliche Identität zu besitzen, auf zwei gleichzeitigen Beobachtungen: der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen. Was wir hier Ich -Identität nennen wollen, meint also mehr als die blosse Tatsache des Existierens, vermittelt durch persönliche Identität: es ist die Ich-Qualität dieser Existenz.

Der Begriff Identität drückt eine wechselseitige Beziehung aus, als er sowohl ein dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein wie ein dauerndes Teilhaben an bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen umfasst, Wertheimer hat dies als Wir - Identiät bezeichnet.

Wir haben alle unsere eigene persönliche Geschichte, die manchmal unsere Objektivität einschränkt. Intergenerationelle Einflüsse sind Faktoren in allen Familien. Kunst als Form der nonverbalen Vermittlung kann Bewusstheit und Integration von sonst nicht ausdrückbarer Erfahrung sein. Kunst ist das Medium der Exploration. Mittels Geschichten oder Photographien werden in uns selbst Vorstellungen hervorgerufen. So haben beispielweise auch traumatische Erfahrungen, wie der Holocaust, psychologische Konsequenzen über die Generationen hinaus. Eine Situation, die sehr viele jüdische Familien in (und auch ausserhalb von) Europa, wie heute bekannt ist über mehrere Generationen hinweg betrifft. Was eine Generation erlebt hat, kann nicht durch deren Einzelne verarbeitet werden. Die Shoa hat tiefe Risse in die unzähligen Geschichten jüdischer Familien gerissen. Erst wenn die kulturelle und soziale Geschichte vermittelt wird, kann die Persönlichkeit sich wirklich entfalten und der individuelle Prozess stattfinden. Die traumatische Erfahrung des Holocaust ist Teil der jüdischen Psyche, ob bewusst oder unbewusst, und das muss von persönlichen Inhalten abgehoben werden. Nach der Shoa basierte die jüdische Identität in Europa weitgehend auf dem Holocaust und Israel. In den Workshops wird mit gestalterischen Mitteln und mittels des Gesprächs an der Weiterentwicklung einer jüdisch europäischen Identität gearbeitet.

Ruth Herzka Bollinger: In traditionellem jüdischen Elternhaus in Zürich aufgewachsen. Gehört der "zweiten Generation" an. Studium der Psychologie und Ethnologie in Zürich. Studienaufenthalte in England, Israel und Berlin. Gründung des Wyber-Schabbes, Zürich. Postgraduales Studium der Kunstpsychotherapie an der Universität Haifa. Arbeitet als Psychologin/Psychotherapeutin in Basel. Gründungsmitglied von Ofek, Verein für pluralistisches Judentum, Basel. Weiterbildungen und Publikationen zu interkulturellen Themen.

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