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Journal 2 - 2001 |
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Katrin Bettina Müller In den Skulpturen von Rachel Kohn ist die Formung durch die Hand sehr präsent. Ihre gegenstandsbezogene, oft Formen der Architektur verwandte Sprache der Dinge steckt voller Informationen über das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Es gibt keine unbelebte und keine unbeseelte Materie in diesem Kosmos aus Ton. Türme, Tore, Stufen, Tische, Stühle, Räder, Rutschen und Leitern: All dies alltägliche Inventar verschmilzt in ihren Skulpturen mit den Figuren, die damit leben. "Erinnerung" heißt eine Skulptur, in der sich ein gezacktes Band durch ein Tor wie eine Schlange davonmacht. Da ist die Bewegung des Entgleitens und Verschwindens ebenso Form geworden wie die Vorstellung von der Vergangenheit als einem Raum, zu der man den Eingang wiederfinden muß. Man kann die jüngsten Skulpturen der Bildhauerin mit einem Fotoalbum vergleichen, in dem sie die Zeit mit ihren kleinen Töchtern festgehalten hat. Viele Eltern fotografieren ihre Kinder, um sich gegen das schnelle Verfliegen der Zeit zu stemmen. In den Heranwachsenden spüren sie mehr als am eigenen Leib die ihnen zugemessene Lebensstrecke vorbeirasen. Die Skulpturen von Rachel Kohn dagegen sind weniger am·äußeren Bild der Veränderung als vielmehr an körperlichen Erfahrungen und emotionalen Momenten orientiert. [zu den Fotos] Erinnerung Sie ermöglichen ein müheloses Gleiten zwischen den Perspektiven von unten und oben, groß und klein, dem runtergucken und dem raufwollen. Ein kleiner fünfbeiniger Hocker, der wackelig an einer großen Form lehnt oder ein kleines Zweibein, das an einem großen Dreibein hängt, visualisieren die Instabilität der Beziehung Mutter/Kind. Ein kleiner und ein großer Stuhl oder ein Stuhl und ein Tisch werden zu Darstellern der Geschichten vom Größer-werden-wollen. Eine runde Form, aus der ein Segment herausgeschnitten und wieder eingefügt ist, erzählt vom Moment der harmonischen Verbindung der beiden kleinen Schwester im Kuß. Auch in früheren Skulpturen hat Rachel Kohn autobiographische Erfahrungen in abstrahierende Formen umgesetzt. Anfang der neunziger Jahre waren die "Trägerinnen" ihr Thema, ein Zyklus stehender Figuren, die mit ihren Lasten zu einer Symbiose verschmolzen waren. Schon in der Form erinnerten sie an archaische Idole und diese Anmutung des Mythischen setzte sich im Thema fort. Ihre Lasten waren Sinnbilder für das nicht mehr loslassen und nicht mehr abgeben können der Aufgaben, die Frauen durch Erziehung und Tradition nach wie vor angetragen werden. So offen zu thematisieren, wie die Zeit mit kleinen Kindern die eigene Empfindungs- und Wahrnehmungswelt umkrempelt, bedeutet für Künstlerinnen ein Risiko, müssen sie doch den Vorwurf fürchten, vom Subjektiven nicht loszukommen und im Alltag hängen zu bleiben. Doch Rachel Kohn macht in ihren Skulpturen aus dem Muttersein keinen Kult von wegen natürlicher Bestimmung. Sie beschreibt vielmehr mit fast dokumentarischer Sachlichkeit, wie weit man denn nun kommt, wenn im Parallelogramm der Kräfte eine neue Energie auftaucht und in unvorhergesehene Richtungen zieht und zerrt. Sie beschreibt das Hinderliche daran ebenso wie die Entdeckung neuer Richtungen. In ihrem Atelier in einer Remise in Berlin Charlottenburg hat die 1962 in Prag geborene Bildhauerin viele ihrer Skulpturen als kleinen Entwurf stehen: Das sieht aus wie eine Spielzeugstadt. In dem Hingeworfenen, Unangestrengten der Maquetten liegt für sie eine handwerkliche Herausforderung: nicht zu sehr auszuformulieren, spielerisch zu bleiben. So schält sich unter dem biographischen Thema eine weitere Motivation für die Arbeit heraus: In der Skulptur offenzubleiben für dynamische Veränderungen, das Dinggewordene nicht im Stillstand festzusetzen. Kein Wunder, da ihre Skulpturen gerade das Fahren auf Rädern lernen. |
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