Journal 2 - 2001
Vermächtnisse

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Andrea Petö
"Mädchen als Jungen erzogen"

Historischer Blick auf die ungarische Familie

In dem Jahrbuch, das 1938 zum 15. Jahrestag der Nationalen Allianz der jüdischen Frauenvereinigung Ungarns herauskam, zitierte Dezö Korein S. R. Hirsch, um die Rolle der ungarischen Frau zu beschreiben: "Die Frau sei die Priesterin des Hauses". Wenn wir die anderen 86 Beiträge dieses Jahrbuches analysieren, die die einflußreiche jüdische Frauenorganisation in Ungarn feiern, - die Hälfte davon wurde von Männern verfaßt - so können wir genauso gut zu den Schlußfolgerungen gelangen, die Marion Kaplan (The Making of the Jewish Middle Class, 1991) und Paula Hymann (Gender and Assimilation in Modern Jewish History, 1995) in ihren bahnbrechenden Arbeiten ziehen: Sie stellen heraus, daß die jüdische Familie ein diskursiver Ort war, der dazu diente, Geschlechtsidentitäten zu artikulieren und zu festigen.

Die Familie war nicht nur der diskursive Ort, um weibliche Bedürfnisse, Wünsche und Freuden in der Gesellschaft zu definieren, sondern nahm auch eine Schlüsselstellung bei der Weitergabe ethnischer, Klassen- und Geschlechterrollen und der Konstruktion unterschiedlicher Identitäten ein. Die Familie als Institution paßte sich bis zu einem bestimmten Grad an den veränderten sozialen und kulturellen Kontext an, und ich würde behaupten, die Familie konnte zum Beispiel in Ungarn zur Jahrhundertwende (19./20. Jh.) als Ort des Widerstands funktionieren.

Während des Modernisierungsprozesses übernahm die sich schnell assimilierende jüdische Mittelklasse in Osteuropa die Ideen der bürgerlichen Häuslichkeit und vermischte sie mit dem religiösen Diskurs zur Familie. Dieser Prozeß vollzog sich zur gleichen Zeit, als sich der öffentliche Raum für Frauen erweiterte, da sich der Arbeitsmarkt und die Bildungsinstitutionen ihnen immer mehr öffneten. Um zum Zitat zu Beginn dieses Textes zurückzukehren: Aus der "Priesterin des Hauses" wurde auch der "Engel des Hauses". Der doppelte Diskurs um die religiöse Familie und die Häuslichkeit verstärkte sich wechselseitig, was diese neue Ideologie so mächtig machte, um den Herausforderungen der Moderne zu widerstehen.

Eine Antwort auf diese Herausforderung im religiösen Diskurs ist die Neudefinition der Familie, die in ihrer Bedeutung erweitert wird. Die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben konnte nicht länger ignoriert werden. Sie wurde dann akzeptiert, wenn sie mit religiösem Engagement oder Wohlfahrt verbunden war, und diese Frauen wurden als "namenlose Heldinnen" bezeichnet, entsprechend der biblischen Tradition, die Rolle der Frau zu beschreiben. Aus der Literatur über soziale Bewegungen wissen wir, daß die Mobilisierung von Frauen im "Rahmen der Mütterlichkeit" das Paradox beinhaltet, Frauen im öffentlichen Raum zu aktivieren, ohne dabei die patriarchalen Strukturen herauszufordern. So können wir Sozialarbeit betrachten, indem wir den Bergriff "Frauentätigkeit" verwenden, und Wohltätigkeit als einen Ort, wo unternehmerische Talente Raum für ihre Aktivitäten fanden und eine andere weibliche Subjektivität entwickelten.

Der zweite Weg aufstrebender jüdischer Frauen zu sozial Handelnden lag außerhalb des religiösen Rahmens. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden Bildungsinstitutionen als Schlüsselbereiche der Weitergabe sozialer Normen und der Schaffung von Orten des Widerstandes. Zur Jahrhundertwende war der Prozentsatz der Frauen, die am Bildungssystem in Ungarn teilhatten, erheblich kleiner als der von Männern. Wenn man die Zahlen hinsichtlich der Besuchs von höheren Bildungseinrichtungen durch Frauen analysiert, dann ist offensichtlich, daß Frauen diese mit einem größerem Bildungskapital betraten. Sie beherrschten mehrere Fremdsprachen und waren sportlicher. Ihre Leistungen waren in den Jahren des Studiums insgesamt erheblich besser als die ihrer männlichen und auch die ihrer jüdischen männlichen Kommilitonen. Auch unter den jüdischen Studierenden waren Frauen um die Jahrhundertwende stark vertreten. An der Universität Budapest waren in den ersten zehn Jahren, in den Frauen studierten (1895-1905), 42,2 Prozent aller Studierenden jüdisch und weiblich. Der Anteil jüdischer Männer lag bei 32 Prozent. Den Statistiken zufolge betraf die Überrepräsentierung jüdischer Frauen gegenüber jüdischen Männern und von Frauen überhaupt auch die höheren Schulen.

Dieser Weg wurde durch die demographische Tendenz unterstützt, daß wohlhabende Familien der jüdischen Mittelschicht, die nach intergenerativer sozialer Mobilität strebten, zur Jahrhundertwende eine restriktive Fortpflanzungsrate in Ungarn, aber auch in Deutschland, handhabten. Wurden ein oder zwei Kinder geboren, und das eine (oder beide) war zufällig ein Mädchen, dann wurde dieses wie ein Junge erzogen. Die gleiche Bildung, bis auf eine wichtige Ausnahme: ohne religiöse Unterweisung. Das soziale Phänomen: "Mädchen als Jungen erzogen" führte dazu, daß eine neue weibliche Subjektivität geschaffen wurde, die es Frauen mit weit besseren Fähigkeiten und mit größerer Entschlossenheit ermöglichte, den Weg in die männliche Welt der Berufstätigkeit zu gehen. Diese Frauen wurden mit Unterstützung ihrer Familien während ihrer Ausbildung als Jungen erzogen und dies durch alle Konflikte hindurch. Durch ihre eigene Erfahrung verstanden sie, wie das Patriarchat funktioniert. So wurden für sie die Techniken patriarchaler Herrschaft, wie erzwungene Amnesie, Vergessen und Diskriminierung transparent. Die sozialdemokratische feministische Bewegung - und später die kommunistische - eröffnete soziale und politische Räume für Assimilation und einen Fluchtweg aus religiösen Normen und Pflichten. Die Moderne zog zusammen mit dem sozialen Programm eine neue Generation jüdischer Frauen an, die sich an linken Aktivitäten beteiligte. Auf unserer Suche nach Vormüttern sehen wir auf die sehr reiche Tradition der Teilnahme jüdischer Frauen am politischen Aktivismus zurück.

Für "Mädchen als Jungen erzogen" gab es jedoch keinen Platz in der religiösen Welt. Für sie war die bürgerliche, die staatliche Intervention wünschenswert, um sich der überwiegend unterdrückenden und religiösen Sphäre der Häuslichkeit widersetzen zu können. Wenn wir einige der Gründe verstehen wollen, warum die Mehrzahl jüdischer Frauen im heutigen Ungarn nicht religiös ist, dann sollten wir neben anderen Faktoren auch die ungewöhnlichen individuellen Errungenschaften unserer Vormütter zur Zeit der Jahrhundertwende und die Familie als einen möglichen Ort des Widerstandes mitdenken.

Dr. Andrea Petö studierte Geschichte und Soziologie. Dissertation in Zeitgeschichte. Sie unterrichtete mitteleuropäische Nachkriegsgeschichte, Oral History und Frauengeschichte. Sie war Assistenzprofessorin an der Central European University. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Frauengeschichte der Nachkriegszeit, zur Geschichte jüdischer Frauen, zu theoretischen Problemen der Geschlechterbeziehungen und zur Geschichte des Kommunismus in verschiedenen renommierten Fachzeitschriften. Ihre erste Monographie (Budapest 1998) erscheint demnächst in Englisch (Women in Hungarian Politics). Sie schreibt regelmäßig für Midrash (Warschau) und Szombat (Budapest).

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