Journal 2 - 2001
Vermächtnisse

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Dagmar Schwermer
"Von Salon keine Spur"

Der Jüdische Frauenbund nach 1945

Als der Jüdische Frauenbund nach seinem Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahre 1938 Anfang der 50er Jahre neu begründet wurde, halfen die dort organisierten Frauen vor allem, die Not nach der Schoa zu lindern. Aber die Frauen gewannen auch politisch neue Kraft. Drei Mitbegründerinnen - Ruth Galinski, Inge Markus und Lilli Marx - berichten im Gespräch mit Dagmar Schwermer über den Wiederanfang des Frauenbundes.

Dagmar Schwermer: Was war die Rolle des Jüdischen Frauenbundes nach dem Krieg?

Ruth Galinski: Wir mußten die Zurückgekommen aus den Lagern, aus den KZs einbinden, denn alle waren verzweifelt, waren kaputt. Deswegen haben wir eine Frauengruppe errichtet, um diesen Menschen etwas Halt und Wärme zu geben. In den Anfangsjahren war das zunächst das wichtigste.

Wie stand es um den Kontakt unter den Frauen selbst, gab es eine besondere Gesprächskultur?

Inge Markus: Von Salon keine Spur! Die Leute haben sich kennengelernt, jeder hat von seinem Schicksal erzählt. Man hat wieder ein bissl Hoffnung geschöpft. Wir waren wirklich weit entfernt von einem Salon, wir wollten keine Rahel Varnhagen, nein, so etwas gibt's auch nicht mehr. Wir waren ja überhaupt nur 5.000, 6.000 jüdische Mitglieder damals in den jüdischen Gemeinden, und eine Frauengruppe mit 500 Mitgliedern war schon enorm. Leider hat sich das nicht gehalten, durch die Überalterung vor allen Dingen.

Ruth Galinski: Nicht zu vergessen: Es waren damals hauptsächlich Alleinstehende, die überlebt hatten.

Wie informierten Sie sich untereinander? Frau Marx, Sie redigierten schon damals eine Zeitung eigens für die Frauen der Gemeinden.

Lilli Marx: Das war das Mitteilungsblatt des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland mit dem Titel "Die Frau in der Gemeinschaft". Wir glaubten damit allumfassend zu sein. Unser Ziel war, die Sozialarbeit, die staatsbürgerliche Bildung, das Interesse der Frau an der Politik, das Interesse und die Mitarbeit für und über Israel auf unser Panier zu schreiben, und vor allem den Frauen klar zu machen, wie wichtig es ist, nicht nur Sozialarbeit, sondern die andern Dinge auch nicht zu vergessen. Wir hatten das große Glück, daß wir die zum Teil 16-seitige Zeitung zwar sporadisch, aber auf Kosten der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung herausgeben konnten. Unsere Zeitung wurde der Allgemeinen beigelegt und fand damit große Verbreitung.

Sie haben am Anfang betont, die Frauen Ihrer Gemeinschaft hätten vor allem soziale Aufgaben erfüllt. Der ursprüngliche Frauenbund vor Krieg und Schoa vertrat durchaus modernes Gedankengut. Spielten feministische Gedanken bei Ihnen später wieder eine Rolle?

Ruth Galinski: Also damals war von Feminismus noch gar keine Rede. Wir mußten überleben und wir mußten aufbauen. Außerdem waren wir, soweit ich das erinnere, sehr selbstbewußt als Frauen. Wir hatten gar nicht das Gefühl kämpfen zu müssen. Religiös ist es natürlich eine andere Sache, aber das ist die Meinung jedes einzelnen. Der eine ist orthodox, der andere ist liberal.

Was hat sie so stark gemacht?

Ruth Galinski: Mich hat stark gemacht, Punkt eins, daß ich überhaupt überlebt habe, das hat mich stark gemacht, und daß ich wieder neu anfangen konnte. Ich heiratete, ich bekam einen starken Mann, das hat mich auch etwas stark gemacht.

Ihre Arbeit, Frau Galinski und Frau Marx, ist verknüpft mit der ihrer bekannten Männer. Der eine, Heinz Galinski: langjähriger Präsident der Berliner Gemeinde und Zentralratsvorsitzender. Der andere: Karl Marx: Publizist und Herausgeber des Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung. Was war Ihre Rolle an der Seite dieser Ehemänner?

Ruth Galinski: Mein Mann hatte zum Beispiel das Gefühl, daß er stärker ist, wenn ich bei ihm bin. Er verlangte immer, daß ich mitging. Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel, wenn wir abends nach Hause kamen, haben wir uns immer noch hingesetzt mit einem Glas Wein und haben uns unterhalten. Das spielt auch eine große Rolle - dieses gegenseitige Mitteilen.

Lilli Marx: Ich kann das nur unterschreiben. Ich war zwar eine der ganz wenigen berufstätigen jüdischen Frauen, in Düsseldorf gab's nur zwei. Außer mir, eine Freundin, Kinderärztin, die aus Israel zurückgekommen war. Wir haben schon in der Emigration in England zusammengearbeitet. Ich habe ungeheuer viel von meinem Mann gelernt. Und lernen dürfen. Und es war nie ein Bedarf des Kämpfens, ganz im Gegenteil. Er hat unerhört viel Verständnis gehabt für Frauenarbeit, und fand es wichtig genug, daß man sie tut.

Die Arbeit des Frauenbundes war nicht auf Deutschland beschränkt, Sie besuchten bald wieder Tagungen des International Council of Jewish Women. Welche Erfahrungen machten Sie dort?

Inge Markus: Diese internationalen Treffen war schon wahnsinnig interessant. Rein persönlich waren wir sehr gut miteinander, wenn auch in den Hinterköpfen... Die meisten sagten, o Gott, die kommen aus Deutschland. Wie können die da wieder leben? Oder wie konnten die dahin zurückkehren? Wie ich, die ich noch dazu aus dem Exil England zurück war. Die haben das schwer verstanden. Aber wir haben Ihnen das Dilemma mit einem lustigen Reim klarzumachen versucht:

We are two boys from Germany
They call us Max und Moritz
Whereever we come on the scene
We're always having Zorres
But we don't think we need excuse
To live in Germany
Because, remember, we are Jews
Where ever we may be.

Uns hat die Arbeit damals wahnsinnig interessiert. Es war so vielseitig - und brachten das natürlich unseren Frauen mit und erzählten ihnen etwas aus der großen freien Welt.

Auch sonst: Für mich war die Frauengruppe ein Sprungbrett. Ich war damals verhältnismäßig jung, hatte gerade mein drittes Kind bekommen, da kam Heinz Galinski zu mir und sagt: Inge, ich möchte gerne, daß Du Dich aufstellst für die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde. Ich sagt, wie kann ich das? Ich bin mit einem kleinen Kind. Ach, das machen wir schon alles. Ja warum? Weil wir eine große Menge Frauen hinter uns hatten.

Wie sehen sie die Aufgabe einer Frauenorganisation heute?

Lilli Marx: Ich glaube, daß die Integrationsarbeit in unserer Generation auf fruchtbaren Boden fiel. Wir fühlten uns einfach verpflichtet, der Gemeinde zur Verfügung zu stehen. Worunter wir heute alle in allen Organisationen sehr leiden, daß sich junge Frauen heute, die eine herrliche Berufsausbildung haben, nicht mehr zur Verfügung stellen. Von sich aus. Das ist immer eine ziemlich Kraftanstrengung, junge Frauen zu gewinnen.

Ruth Galinski: Also meines Erachtens haben sich die Frauenverbände überlebt. Heute gibt es berufsständige Frauenorganisationen oder akademische, oder was sie wollen, aber die üblichen alten Frauenvereine sind nicht mehr in.

Bet Debora setzt sich für die Gleichbehandlung von Frauen im Ritus ein. Wie haben Ihnen die von Frauen gestalteten Gottesdienste bei der Tagung gefallen?

Lilli Marx: Ich war gestern und heute zutiefst beeindruckt. Es war seit etwa 54 Jahren mein erster Liberal- bis Reform-Gottesdienst, den ich miterlebt habe. Ein wundervoller Gottesdienst. Die gleichzeitige Veröffentlichung des hebräischen Textes, des deutschen und des englischen hat mich ebenfalls tief beeindruckt. Ich konnte nämlich mitlesen, was ich sonst in Düsseldorf nicht kann.

Dagmar Schwermer ist Journalistin in München. Ruth Galinski und Inge Marcus wohnen in Berlin, Lilli Marx lebt in Düsseldorf.

www.juedischerfrauenbund.org

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