Journal 2 - 2001
Vorwort

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Antje Vollmer
Die geschützten Häuser verlassen

Grußwort zur Eröffnung der Tagung

Die Gesellschaft in Europa befindet sich im Umbruch. Nicht nur in Deutschland stehen bahnbrechende Entscheidungen zu Themen wie Gentechnologie, Menschenrechtsfragen, extremistische Strömungen und neue Formen der Familie auf der Tagesordnung. Diese Themen, die wesentliche Weichenstellungen für unsere Zukunft sein werden, haben auch Einfluß auf unsere Traditionen. Und die wirken sich umgekehrt auch wieder auf unsere Entscheidungen zu den Themen aus. Tradition und tägliches Geschehen müssen sich gleichzeitig bewegen, keines darf stillstehen, sonst nützen sie einander wenig. Wie auf der ersten Tagung werden sich dieses Mal wieder jüdische Frauen und Männer über den Einfluß austauschen, den die Umwälzungen auf die jüdische Tradition haben.

Wie lassen sich Glaube und neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens vereinbaren? Wie kann sich die moderne Frau in das althergebrachte System einbringen, ohne es zu zerstören? Ich freue mich außerordentlich, die Tagung begrüßen zu dürfen, denn diese Fragen haben mich schon immer beschäftigt. Ich hatte das Glück und die Herausforderung in einer Zeit in das politische Leben einzusteigen, als die Stellung der Frau von der heutigen Rolle unendlich weit entfernt war. Ich habe gesehen, wie zu den "revolutionären Zeiten" der 60er und 70er Jahre die Emanzipation geprobt wurde.

Und ich habe dafür gekämpft, daß sie nicht scheiterte, sondern sich von einer Schein-Emanzipation hin zu einer wahren Emanzipation entwickeln konnte. Mit der Veränderung der Frauenrolle ist auch eine Entwicklung der ganzen Gesellschaft einher gegangen, in der die althergebrachte Vorstellung der Familie als grundlegendes Element der Gemeinschaft verändert werden mußte. Berufstätige Frauen, neue Formen der Arbeit und neue Formen der Freizeit, verlagerte Interessen bei Männern und Frauen, das alles verlangt nach neuen Ideen für das Zusammenleben.

Diese weltlichen Entwicklungen in die jüdische Tradition hinein zu tragen, erfordert viel Mut. Und die Teilnehmerinnen an dieser Tagung und an der ersten Tagung vor zwei Jahren haben diesen Mut bewiesen. Sie haben ihre geschützten Häuser verlassen und sich in die Welt hinaus gewagt. Sie sind Rabbinerinnen und Kantorinnen geworden und haben gezeigt, daß die Frau das Gebet nicht stört, möglich ist, gemeinsam mit den Männern dem Glauben nachzugehen, ohne es an Respekt fehlen zu lassen.

Daß dies jetzt möglich ist, ist ein Zeichen dafür, daß die großen Strömungen der Zeit nirgends halt machen, auch nicht vor den Religionen und Traditionen. In turbulenten Zeiten wie diesen sollen Religionen und Traditionen Halt bieten können. Allerdings können sie dies nur leisten, wenn die Menschen, an die sie sich wenden, ihnen Vertrauen schenken. Dieses Vertrauen braucht Offenheit und Toleranz. Die vielfältigen Themen der Tagung - sie reichen von der Neudefintion der Rollen von Frau und Familie über die Beziehung zu Nicht-Juden hin zum Umgang des Traumas von Verfolgung und Vernichtung - versprechen eine solche große Offenheit und Toleranz. Die Tatsache, daß sich so viele Menschen zusammengefunden haben, um sich in dieser Form auszutuschen und nach neuen Wegen für die Tradition zu suchen, ist ein Meilenstein in der Geschichte des Judentums.

Ganz besonders freut mich, daß Berlin Ort dieser Veranstaltung ist. Das zeigt, wie lebendig und entwickelt das jüdische Leben hier ist und spricht für die Jugend und Aufgeschlossenheit dieser Stadt. Ich wünsche Ihnen allen interessante und aufregende Diskussionen und allergrößten Erfolg bei Ihrem mutigen Unterfangen.

Dr. Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Abgeordnete der Partei Grüne/Bündnis 90.

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