Journal 2 - 2001
Vorwort

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Dr. Christine Bergmann
Familie - kein überlebtes Modell

Rede der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Christine Bergmann, anlässlich der zweiten Tagung von BET DEBORA für europäische Rabbinerinnen, Kantorinnen, rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden mit dem Thema ‚Die "jüdische Familie" - Mythos und Realität - am 1.6.2001 in Berlin

Anrede,
ich freue mich, heute bei der zweiten internationalen Tagung von Bet Debora zu sein. Es ist beeindruckend, wie viele Frauen aus Europa und der ganzen Welt hier zu Ihrer Tagung gekommen sind und welcher weibliche Sachverstand hier versammelt ist.

Sie haben heute Vormittag eine Gedenktafel für Regina Jonas, der ersten Rabbinerin eingeweiht und damit eine Frau gewürdigt, die in den 30iger und 40iger Jahren in Berlin zwischen Tradition und Aufbruch um ihre Anerkennung als Rabbinerin gerungen hat. Sie hat in dieser furchtbaren Zeit der Verfolgung und Deportation der Juden den Menschen durch ihre rabbinisch-seelsorgerische Tätigkeit religiösen Halt gegeben. Durch ihr Wirken hat sie die von ihr gestellte Frage, ob eine Frau das rabbinische Amt bekleiden kann, eindeutig beantwortet. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Erst 1972 wurde in den USA die nächste Rabbinerin ordiniert. Wenn heute weltweit mehr als 200 Frauen ordiniert sind, wenn inzwischen Kantorinnen ausgebildet werden, dann zeigt das auch, dass sich die Frauen ihren Platz im Judentum erkämpfen - Stück für Stück.

Beim Studium der Geschichte wird uns deutlich, dass Frauen um jeden Zentimeter, den sie in unterschiedlichen Lebensbereichen an Boden gewonnen haben, schon immer hart ringen mussten. Wenn wir uns dies vor Augen führen, sollten wir aber die Erfolge nicht vergessen und daraus Stolz und Stärke beziehen. Trotzdem: Nachhaltiges Beharrungsvermögen ist nach wie vor gefragt.

Sie haben sich zum Ziel gesetzt, Frauenperspektiven im Judentum zu erarbeiten, Ihre eigene Sicht als Frauen im Judentum zu bestimmen und dabei Traditionslinien kritisch zu hinterfragen. Aber es geht Ihnen auch darum, Frauentraditionen aufzunehmen, die durch den Holocaust verloren gegangen schienen. Das ist ein mutiges und überaus unterstützenswertes Anliegen.

Ich weiß aus meiner Kirche - der evangelischen Kirche - wie fruchtbar es ist, sich kritisch mit den meist männlich geprägten Strukturen und Glaubensauffassungen auseinander zusetzen und eigene Wege zu suchen. Ich begrüße es sehr, dass sie Ihren Standpunkt dabei nicht nur in den innerjüdischen Dialog, sondern auch in die gesamtgesellschaftliche Diskussion einbringen wollen.

Wenn Sie sich auf Ihrer heutigen Tagung mit dem Thema "Jüdische Familie - Mythos und Realität" beschäftigen, packen Sie ein heißes Eisen an. Denn noch immer herrschen stereotype Vorstellungen und Klischees sowohl von der Familie als auch der Rolle der Frau in der Familie vor. Das gilt für unsere ganze Gesellschaft. Trotz erheblicher Veränderungen im alltäglichen Leben müssen wir eine bestimmte Starrheit in den gesellschaftlichen Vorstellungen feststellen. Das fordert uns zum Widerspruch und zur Suche nach neuen Vorstellungen und Wegen heraus. Umso notwendiger und spannender finde ich es, danach zu fragen, wie sich Familie, aber auch die Rollen in und außerhalb der Familie, verändert haben. Was bedeutet Familie heute? Was hat sich verändert? Wie wirken sich diese Veränderungen aus? Und was bedeutet Familie für uns Frauen heute?

Es wäre sicherlich nicht passend, wollte ich Ihnen hier als Nicht-Jüdin vortragen, welche Herausforderungen die heute vielfältigen Familienformen für die jüdische Gemeinschaft bedeuten. Ich denke da sind Sie die Spezialistinnen, die täglich mit diesen Veränderungen leben. Und ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse Ihrer Tagung. Ich kann Ihnen als Familien- und Frauenministerin dieses Landes aber meine Gedanken über die Veränderungen der Familie in unserer Gesellschaft und auch über die Veränderung der Rolle der Frauen in der Familie vortragen.

Wir haben in den letzten Wochen eine erfreulich breite, öffentliche Debatte über die Rolle der Familie in unserer Gesellschaft. Dabei ist immer wieder vom Verfall der Familie die Rede. Als Indizien werden die sinkenden Heiratszahlen und die steigenden Scheidungszahlen sowie der Rückgang der Geburtenrate genannt. Aber wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir, dass die Institution Familie auch heute noch viel stabiler ist als vielfach behauptet wird. Der positive Stellenwert von Familie hat bei den Menschen in den letzten Jahren sogar zugenommen. Das muss nicht verwundern, denn angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen, die ich kurz mit den Stichworten Globalisierung und Flexibilisierung umschreiben möchte, suchen die Menschen vor allem emotionalen Rückhalt in der Familie.

Aus der Shell-Jugendstudie wissen wir, dass annähernd 90% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich zukünftig Kinder wünschen, zu einem hohen Prozentteil (53%) sogar zwei Kinder haben wollen. Darüber hinaus konstatiert die Jugendforschung eine hohe Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrer Familie. Eltern werden heute als Vertrauenspersonen und Partner erlebt, die unterstützen und beraten. Die Beziehung der Eltern zu den Kindern ist auf Dauer sehr stabil, häufig stabiler als die Partnerbeziehung. Auch der 3. Altenbericht der Bundesregierung hat deutlich gezeigt, dass es einen guten Zusammenhalt zwischen den Generationen gibt.

Familie ist also kein überlebtes Modell des Zusammenlebens. Familie, das ist auch heute noch ein Unternehmen, in dem persönliche Freiheit und Autonomie gelebt werden kann - und das macht es für alle Beteiligten so attraktiv. Familie ist der Ort, in dem sich Menschen entwickeln, wachsen und zu dem werden, was sie sind. Familie ist der Raum, der den Menschen ermöglicht, ihre Ansprüche zu formen und der sie stark macht, die vielfältigen Herausforderungen der Gesellschaft zu bestehen. Das ist die positive Seite.

Aber Familien können leider auch Orte der Gewalt und der Unterdrückung sein. Die meisten Gewalttaten erleben Frauen und Kinder im sozialen Nahraum, in der Familie. Nach Schätzungen ist jede dritte Frau in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen. Die Bundesregierung hat deshalb einen Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen beschlossen, mit dem erstmals ein umfassendes Gesamtkonzept zur Gewaltbekämpfung in Deutschland vorliegt. Damit haben wir klargestellt, dass die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen eine vordringliche politische Aufgabe ist. Es ist unser Ziel, strukturelle Veränderungen zu erreichen und zwar in allen Bereichen: von der Prävention über die Täterarbeit und die bessere Vernetzung von Hilfsangeboten bis hin zu rechtlichen Maßnahmen und einer stärkeren Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

Aber nicht nur Frauen, sondern auch Kinder müssen vor Gewalt geschützt werden. Leider gehört Gewalt gegen Kinder in vielen Familien noch zum Erziehungsalltag. Dabei meine ich nicht nur schwere Misshandlungen, sondern auch Ohrfeigen und seelische Verletzungen. Rund 80 % der Kinder geben in Umfragen an, von ihren Eltern geohrfeigt worden zu sein, rund 30 % berichten über ein Tracht Prügel im Elternhaus. Pro Jahr erleiden in Deutschland etwa 150.000 Kinder unter 15 Jahren körperliche Misshandlung durch ihre Eltern. Das finde ich alarmierend, genau so wie die Ergebnisse von Untersuchungen, die untermauern: Gewalt bringt wiederum Gewalt hervor. Deshalb haben wir das Recht auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert und versuchen mit unserer Kampagne "Mehr Respekt vor Kindern" dieses Leitbild in die Gesellschaft zu vermitteln. Kinder haben jetzt ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

In den letzten Jahren sind die Familienformen immer vielschichtiger geworden - Alleinerziehende, "Patchwork-Familien", Pflegefamilien, Familien in denen die Eltern nicht verheiratet sind - aber annähernd 80% der Kinder wachsen nach wie vor bei ihren verheirateten Eltern auf. Auch diese Formen verdienen gleiche Anerkennung und Unterstützung. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen aber auch: familiales Zusammenleben ist nichts Statisches, sondern verändert sich in vielfältiger Weise. Während die Lebensform Familie sehr stabil bleibt, haben sich aber die Rollen der einzelnen Familienmitglieder und die sogenannten Familienbeziehungsmuster grundlegend gewandelt. Der Trend geht heute weg von der existenzsichernden Versorgungsgemeinschaft hin zu Wahlverwandtschaften, wie es die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim auf den Punkt brachte. Und das ist eine Bereicherung.

Aber vielfach beruht das gesellschaftliche Bild von Familie wie auch viele unserer sozialen Sicherungssysteme noch auf den alten Rollenvorstellungen. Familienpolitik in meinem Verständnis legt nicht nur Artikel 6 unseres Grundgesetz zugrunde (Schutz von Ehe und Familie), sondern auch Artikel 3 Grundgesetz (Gleichberechtigung von Mann und Frau) und die Rechte der Kinder, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten sind. Familienpolitik muss hier Rahmenbedingungen schaffen, damit diese Ziele miteinander vereinbar werden und nicht eins schwerer wiegt als das andere. Unsere Familienpolitik respektiert die Vielfalt der Lebensformen und orientiert sich an den Lebenswünschen der Menschen. Ein ideologisch geprägtes Leitbild hilft weder den Menschen in ihrer Alltagsbewältigung, noch steht es der Politik zu, den Menschen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Die neue Vielfalt der Familienstrukturen und die Auflösung traditioneller Muster bereichert unsere Gesellschaft.

Der Weg zur solidarisch organisierten Familienarbeit ist noch weit. Wer ist für Familienarbeit, Erziehungsarbeit zuständig? Die gewandelte Rolle der Frauen in der Familie ist ein zentraler Faktor für den Wandel der Familienformen und der Familienbeziehungsmuster. Frauen wollen heute wie Männer beides: Beruf und Familie. Aber auch die Rolle der Männer beginnt sich zu ändern: Immerhin wünschen sich 50 bis 70 Prozent der jungen Männer inzwischen bei besseren Rahmenbedingungen eine gleichberechtigte Partnerschaft auch in der Kinderbetreuung und im Haushalt. In der Realität sehen wir, dass bei der Umsetzung dieser Lebenswünsche große Diskrepanzen bestehen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist heute nicht leicht zu verwirklichen. Nach wie vor ist die Kinderbetreuung ein neuralgischer Punkt, aber auch in der Arbeitswelt finden Eltern noch zu wenig Unterstützung. Die Frage, wie Arbeitswelt und Familie besser in Einklang gebracht werden können, ist eine der großen gesellschaftlichen Zukunftsfragen.

Wir haben hier als Bundesregierung die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bereits verbessert. Durch die Flexibilisierung des Erziehungsurlaubs, der jetzt Elternzeit heißt und durch den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit ist es für Mütter und Väter leichter, sich die Erziehungsarbeit zu teilen. Gemeinsam mit zahlreichen Unternehmen in Deutschland werben wir zur Zeit für ein neues Bild von Vaterschaft in unserer Gesellschaft. Wir wollen Väter motivieren, aktiv Verantwortung in der Familie zu übernehmen, sich mehr Zeit für ihre Kinder zu nehmen und sich nicht lediglich als Ernährer der Familie zu sehen.

Die traditionelle Kleinfamilie wandelt sich in ihrem innern nachhaltig und stereotype Vorstellungen werden täglich durch die gelebte Realität wiederlegt. Die Fragestellung ihrer Tagung konstatiert diese Entwicklung auch für die jüdische Familie. Auch deren Veränderungen sind auf das Engste mit einem neuen Selbstverständnis der jüdischen Frauen verbunden. Und es ist nur konsequent, wenn sie ihre jüdische Frauenperspektive, die ja von den veränderten Bedingungen geprägt ist, in die innerjüdische wie auch die gesamtgesellschaftliche Diskussion einbringen.

Ich kann Sie in ihrer Zielsetzung nur unterstützten, die Emanzipation der Frau innerhalb der jüdischen Gemeinde weiter zu fördern, als auch ein modernes jüdisches Selbstverständnis auf der Grundlage ihrer Erfahrungen und ihrer Bedürfnisse zu entwickeln. Ich wünsche Ihnen bei Ihrer Arbeit viel Erfolg, Ihrer Tagung einen guten Verlauf und allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern viele informative, interessante und anregende Begegnungen.

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