Journal 2 - 2001
Vorwort

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Boris Schapiro
"Zelem Elohim" und die Bindungsfähigkeit des Menschen

Grußwort zur Eröffnung der Tagung

Wenn wir über Mythos und Realität der jüdischen Familie sprechen, dürfen wir nicht vergessen, daß Gott zuerst den Menschen erschuf und dieser auf seinem Entwicklungswege ein Reifestadium erreichte, mit dem Schöpfer in eine vertragliche Beziehung zu treten und über mehrere Entwicklungsstufen des Vertrages zwischen Mensch und Gott durch den Empfang der Gesetzeslehre und Praktizierung dieser Lehre in seiner Lebenswirklichkeit Jude wurde. Die Bindung der Familie ist ein allgemein menschliches Phänomen und die Bindungsfähigkeit ein großartiges Geschenk, die eben einen wichtigen Aspekt des Menschseins ausmacht.

Das Jüdische in der Familie ist daher die Sichtweise und die Formgestaltung davon, was für das Menschsein zentral ist, nämlich den Bund zu schließen und ihn mit Liebe zu füllen. Zur jüdischen Sicht auf die Familie gehört deswegen ein besonderes Aufmerk darauf, was der eigentliche Mensch ist. Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten aus jeweils verschiedenen - allemal jüdischen - Perspektiven:

xxxxxxxxAus der politischen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das Staats- und Gemeinleben bildet und pflegt und die xxxxxxxxxEntscheidungen des Einzelnen den Entscheidungen der Gemeinschaft unterordnet.
xxxxxxx Aus der psychologischen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das Vernunft besitzt und auf deren Basis xxxxxxxxxSinnbildung für sich als Individuum und für die ganze Gemeinschaft betreibt.
xxxxxxxxAus der philosophischen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das die Würde besitzt und die Würde des Anderen xxxxxxxxxachtet.
xxxxxxxxAus der religiösen Perspektive ist der Mensch das Wesen, das nach Gottes Vorbild als Mann UND Frau erschaffen xxxxxxxxxwurde.

Dieses Prinzip und das Verständnis des Menschen heißt nach den Worten der Tora Zelem Elohim [Ebenbild Gottes]. Nicht "Mann" und nicht "Frau" für sich können Ebenbild Gottes sein. Höchstens der Götzen. Daher versteht die jüdische Tradition unter dem Bild des Menschen und Gottes eine Qualität, die nicht tastbar, nicht riechbar, nicht sichtbar und nicht fühlbar, jedoch erfahrbar ist.

Was ist es im Zelem Elohim, was keine sinnlichen und sensorischen Merkmale hat und doch erfahrbar ist? Es ist die Eigenschaft, Idee zu sein, und die Fähigkeit, Bindung zu gestalten. Für den Menschen macht das das UND. Es ist das Sinnbild der Familie, die im kleinsten den Menschen und die Welt des Menschen darstellt und deren Wirkung Liebe intendiert und die Praxis der Menschlichkeit bedeutet.

Ich begrüße Bet Debora und gratuliere den Organisatorinnen dieser Tagung, die das Zentrale am Menschsein und Menschwerden, die erste Quelle des Lebens, der Erziehung, der Gemeinwesen- und Vernunftbildung, der Würde und des Segens aus der jüdischen, aus der weiblichen, aus der menschlichen Perspektive in der Moderne neu und zugleich traditionsbezogen zu Bewußtsein bringt.

Dr. Boris Schapiro ist Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

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