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Hanna Rheinz Wir haben als jüdische Frauen unbestritten viel Mut bewiesen und Pluralität gezeigt, was sich zum einen an unseren geschichtlichen Brüchen, aber zum anderen auch in der Schilderung verschiedener jüdischer Soziotope zeigte, in denen viele zu überleben und sich zu definieren versuchen. Doch mir ist aufgefallen, wie sehr die ältere Generation noch positiv Solidarität erleben konnte - den Zionismus, den Aufbau des jüdischen Staates, positive Werte. Als Vertreterin des heute in Deutschland lebenden Judentums sehe ich mich jedoch in einer Minderheit, auch weil ich auf der Bet-Debora-Tagung bereit bin, den Kassandra-Ruf auszustoßen, der einen der Erfahrung nach nicht sehr beliebt macht. Was ist mit jenen Frauen, die keine Familie haben? Sind Frauen ohne Familie überhaupt vorstellbar? Tragen die Chawurot [Freundeskreise], die wir auf dieser Tagung als Alternative zur traditionellen Familie entwarfen, nicht doch genau jene Merkmale, denen wir entkommen wollen, nämlich schwarze Schafe und Außenseiterinnen zu produzieren, die sogar hier anecken, nicht angepaßt sind und somit selbst aus dem neuen Rollenverständnis herausfallen, das wir gemeinsam entwickeln wollen? Bet Debora richtet sich meines Erachtens nicht zuletzt an jene Frauen, die keine primären Bezugspersonen, keine Familie mehr haben, weil sie ledig, verwitwet, geschieden sind, oder sich als Alleinerziehende im Abseits der jüdischen Gemeinden wiederfinden. Diese Frauen stehen mit ihrer Existenz in Deutschland in mancherlei Hinsicht am Rande des Randes der jüdischen Gemeinschaft, denn die Infrastruktur vieler Gemeinden hat sie als Zielgruppe noch gar nicht erkannt. Ich spreche hier nicht von jenen Frauen, die in der Tradition des "Frauenbundes" politische Arbeit leisten, Frauen, die in der WIZO aktiv sind oder in anderen Gemeindegremien und Frauennetzwerken integriert sind. Ich spreche nicht von den beruflich erfolgreichen Frauen, die im Licht stehen. Ich spreche von den Frauen im Schatten. Von den Frauen, die nicht, noch nicht oder nicht mehr integriert sind. Diese Frauen erleben die Bet-Debora-Tagung möglicherweise als Chance ihre jüdischen und ihre menschlichen Batterien aufzuladen. So ist es mir jedenfalls ergangen. Doch wenn diese Frauen zurückkehren, kehren sie in Gemeinden zurück, die von ihrer Existenz keine Notiz nehmen, in denen sie allenfalls geduldet werden. Frauen, die allein an den Gräbern ihrer Eltern und Kinder und Freunde stehen, weil sie keine Männer, keine Väter, keine Söhne haben, die für sie das Kaddisch sprechen. Als einem weiblichen Mitglied der orthodoxen Einheitsgemeinde ist es offiziell nicht erlaubt, das Kaddisch zu sprechen. Soll frau um der verehrten Toten sel. A. willen etwa einen wildfremden Mann anheuern, der ihre prekäre gesellschaftliche Situation womöglich - wie dies ja des öfteren schon beobachtet worden sein soll -, am Ende noch schamlos ausnutzt? Nein, und abermals nein! Alleinlebende Frauen stehen nach wie vor auf einsamem Posten, gerade wenn sie nicht, wie hier in Berlin, die Möglichkeit haben, eine Chawura zu bilden. Aber selbst in Berlin gibt es sehr vereinsamte Frauen. In meinem Workshop schilderte eine von ihnen, wie sie zwei Jahre lang in die Mikwe ging und dort eigentlich nur Ablehnung erfuhr. Nicht nur daß der Rabbiner sie dies spüren ließ, da sie nicht verheiratet und deswegen von vornherein in einer Außenseiterposition ist. Sie fühlte sich auch von den anderen, verheirateten Frauen stigmatisiert. Man vermittelte ihr immer wieder, daß sie gar nicht dazu gehöre, daß sie unerwünscht sei. In meinem Workshop - Galut ha-Neschama [Exil der Seele] - versuchte ich an die eigentliche Idee der jüdischen Weiblichkeit zu erinnern, den Körper, der einen seelischen Raum bietet - also eine positive Körperbezogenheit, die jedoch verloren gegangen ist. Letztlich läßt man diese Frauen allein, gibt ihnen keine Möglichkeit, Gemeinschaftlichkeitserfahrungen zu machen. Chawurot bieten nur begrenzt eine Ersatzfamilie, weil die meisten so sehr in ihrer eigenen Welt verfangen sind, daß Solidarisierungsmöglichkeiten - Empathie, Rachamim, das jüdische Erbe des Mitgefühls - durch Gleichgültigkeit überschattet sind. Zwar hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder gezeigt, daß diejenigen, die am Rande stehen, kreative Ideen einbringen und damit in die Mitte rücken, weil ihre Ideen übernommen werden. Doch für den einzelnen Menschen ist es schwer, die Einsamkeit zu ertragen - er oder sie hat ja nur dieses eine Leben, und die Lebenszeit vergeht, ohne daß man aus diesem Rand herauskommt, in die Mitte des eigenes Lebens. Ich plädiere dafür, unsere Gemeinsamkeiten jenseits eines familienbezogenen Verständnisses zu erkennen und weiter zu tragen. Denn Alleinsein, ohne Familie zu leben, braucht nicht nur Einsamkeit zu bedeuten. Oft wächst gerade hier weibliche Stärke; wer sich seines Alleinseins bewußt wird, wird sich auf der eigenen Kreativität gewahr, mit widrigen Umständen zurecht zu kommen. Meine Vision für eine moderne jüdische Identität als Frau ist daher, uns wieder zu besinnen auf die heute so anachronistisch anmutende Solidarität innerhalb der Kehille [Gemeinde]. Sie ist aber nur erfahrbar, wenn wir uns zunächst unserer gegenseitigen Abwertungen bewußt werden, wenn wir erkennen, daß wir die konventionellen Vorstellungen der defizitären, mangelbehafteten Weiblichkeit nicht selten noch freiwillig bestätigen und aufrecht erhalten, ohne uns dessen bewußt zu sein, indem wir jene unter uns verachten und verächtlich machen, bemitleiden und nicht wirklich für "vollwertige jüdische Frauen" halten, nur weil sie nicht im herkömmlichen und sozial akzeptierten Sinne in eine Familie integriert sind. Wir dürfen es nicht länger dulden, einander am Rande stehen zu lassen, und nur auf künftige Generationen zu hoffen, die jene unter uns, die heute abseits stehen, vielleicht wieder in ihre Mitte nehmen. Die Aufgabe ist, uns nicht weiter gegenseitig auszugrenzen. Unseren Platz als Einzelne und als Gruppe innerhalb der Gemeinden zu fordern und einzunehmen. Dr. Hanna Rheinz, Psychologin und Uni-Lehrbeauftragte, ist Autorin von "Die jüdische Frau. Auf der Suche nach einer modernen Identität" (1998). |
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