Journal 2 - 2001
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Sylvia Rothschild
Mut zu neuen Liturgien

Als ich aufwuchs, haben mir meine Lehrerinnen und Lehrer sehr deutlich vermittelt, daß der Begriff, der mein Judentum definiert, das Wort "Reform", in der Gegenwartsform steht und bewußt gewählt wurde, um einen fortlaufenden Prozeß zu kennzeichnen. Historisch gesehen gab es im Judentum nie ein monolithisch orthodoxes Judentum, das zu einem bestimmten Zeitpunkt reformiert wurde. Das Judentum meiner Gemeinde war von lebendigem und dynamischem religiösen Ausdruck. Meine Lehrer und Rabbiner wußten, daß der Reformprozeß im Judentum ein kontinuierlicher ist und daß jeder in der Gemeinde dafür verantwortlich war.

Als ich Judentum gelehrt bekam, spielten Worte wie "prophetisch" und "ethisch" und "verantwortlich" eine wichtige Rolle. Meine Lehrer benutzten auch den Begriff "traditionell", waren aber ehrlich genug zu erkennen, daß es im Judentum viele Traditionen gibt und wir dazu tendieren, jene zu bevorzugen, die wir kennen und andere, die uns unbekannt sind, abzuwerten. Die Idee, auf Menschen und ihre tatsächlichen Lebenszusammenhänge einzugehen, in gleicher Weise wie es die Propheten taten, war für mich eine wichtige Lehre. Gleichzeitig bracht man mir bei, Autorität zu respektieren, doch sie nicht unbedingt kritiklos zu akzeptieren. Ein Begriff, der in dieser Konferenz für das verwendet wurde, was wir als jüdische Frauen in unserem Leben tun können, war "Mut". Ein zweites wichtiges Wort war "Pluralismus". Und es gibt ein drittes Wort, das ich hinzufügen möchte: "Verantwortung". Wir müssen ein Gefühl für unsere eigene Verantwortung entwickeln, Judentum am Leben und bei guter Gesundheit zu erhalten.

Ich bin eine leidenschaftliche Erfinderin und Schreiberin von Liturgien. Wenn ich neue Liturgien schaffe, bin ich mir immer des Mutes bewußt, dessen es bedarf, Dinge liturgisch zu erfassen, die nie zuvor auf solche Art und Weise betrachtet wurden, und der vielen Möglichkeiten, wichtige Ideen und Ereignisse auszudrücken. Und sehr bewußt ist mir, daß die Liturgie jüdisch sein muß. Jüdische Formen und Ausdrücke, jüdische Strukturen, jüdische Vorstellungswelten sollten darin verwendet werden; sie muß Jüdinnen und Juden auf hohem Niveau ansprechen.

Liturgie ist ein religiöser Ausdruck, nicht einfach ein kultureller oder eine Art von Therapie. Sie muß eine Beziehung zu unserer Geschichte und unserer Zukunft haben, aber auch für unsere augenblickliche Situation wichtig sein. Ich bin mir dessen sehr bewußt, da Leute anfangen, mehr und mehr über Liturgie zu sprechen, daß Liturgie eines der Dinge ist, die das Judentum mit unserer besonderen Identität zusammengehalten hat. Heute morgen habe ich hier am Gottesdienst teilgenommen, der ganz anders war als der gestrige. Aber beide waren erkennbar Schacharit-Gottesdienste [Morgengottesdienste]. Es war anders als das Schacharit, das meine Gemeinde in England betet, und doch gab es Ähnlichkeiten und eine Verbindung. Es gibt etwas, was uns beim Gottesdienst zusammenhält. Ich denke, das hat damit zu tun, wie wir beten, welchen Strukturen wir folgen, mit der Geschichte, die wir einander erzählen.

Die Liturgie ist nur ein kleiner Teil unserer jüdischen Erfahrung, aber sie ist wichtig. Sie gestaltet unsere Identität und stärkt uns. Sie sagt uns, was wir wirklich brauchen und erlaubt uns, einander zu sagen, was wir tatsächlich glauben. Die Liturgie gestattet es uns, unser Judentum auszudrücken und zu erleben. Sie macht es uns möglich, in den Dialog zu treten. Es war mir ein großes Vergnügen, beim Liturgie Studium zu entdecken, wie wenig Neugeschriebenes es tatsächlich gibt. Ich empfehle wirklich allen, sich einen Siddur [Gebetbuch] mit Anmerkungen zur Geschichte der Gebete und ihrer Herkunft zu besorgen. Es ist eine solche Genugtuung zu sehen, wie Juden über Jahrhunderte Sätze aus den biblischen Büchern herausgezogen und anders verwendet, sie umgedichtet oder in einen anderen Zusammenhang gestellt und so ein neues Gebet geschaffen haben. Dialoge mit Gott zu entdecken, die für andere funktioniert haben, diese in neuer und anderer Art zu verwenden, um den Dialog zu entwickeln, der für uns funktioniert.

Eines meiner Vergnügen besteht nicht so sehr im Schreiben neuer Gedichte und Gebete, wenngleich ich das auch tue. Sondern darin, im Tanach [hebräische Bibel] zu lesen und gerade den halben Vers zu finden, der das sagt, was ich sagen möchte. Dann mich mutig und verantwortlich genug zu fühlen und - wissend, daß ich mich innerhalb der rabbinischen Tradition bewege - den halben Vers zu nehmen und ihn in einem neuen Rahmen einzufügen. Manchmal sogar die ursprüngliche Bedeutung zu verändern und ihn aus dem Kontext herauszulösen oder nicht alle Worte für den Satz oder Vers zu verwenden. Das ist nichts Neues, dieser Prozeß ist so alt wie das jüdische Gebet, aber wir brauchen heutzutage Mut, um unsere Texte zu nehmen und sie in neue Zusammenhänge zu stellen. Wir müssen daran glauben, daß diese Texte uns gehören, daß sie zu uns verschieden sprechen, daß sie etwas Neues zu sagen haben. Und wir brauchen das Gefühl der Verantwortung für diese Texte, damit wir etwas Neues schöpfen können, etwas Jüdisches, ein Gebet.

Die strenge Interpretation oder Übersetzung vieler unserer heutigen Gebete kann abstoßend wirken. Das bedeutet aber nicht, daß wir uns von der Liturgie abwenden müssen. Viele Liturgien, die heute geschrieben werden, sind Liturgien von Frauen. Das ist sicherlich auf die Tatsache zurückzuführen, daß uns die meisten Frauengebete verloren gegangen sind. Es ist nicht neu, daß Frauen Gebete schreiben. Wir wissen, daß Frauen bis in biblischen Zeiten zurück gebetet haben. Die Gebete von Frauen wurden aber nicht in gleicher Weise weitergegeben wie die der Männer. Meist unbemerkt wurden sie eher selten veröffentlicht, vielleicht in den handschriftlichen Anmerkungen von jemandem. Daher ist wichtig, daß wir nicht nur damit fortfahren, neue Liturgien zu schreiben, sondern daß wir diese auch in den öffentlichen Raum einbringen. Frauen müssen in der Liturgie präsent sein. Als Rabbinerin und Verfasserin von Gebeten und neuen Ritualen habe ich die Erfahrung gemacht, daß wir die Verantwortung für die Umgestaltung und Neudefinition unseres Judentums in die Hand nehmen müssen, sonst wird es zu einem musealen Ausstellungsstück, das wir liebevoll konservieren und bei gelegentlichen Besuchen betrachten, das aber keine Bedeutung für unser Leben und das unserer Kinder hat.

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Irene Runge.

Sylvia Rothschild ist Rabbinerin der Bromley and District Reform Synagogue in Südost-London und Vorsitzende der Rabbinic Assembly. Mitherausgeberin von "Taking up the Timbrel. The Challenge of Creating Ritual" (2000)

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