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Journal 3 in 2003 |
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Ruth Fruchtman Die Reaktion damals bei der Bet-Debora-Tagung auf den Vortrag von Nira Yuval Davis war nicht überwiegend freundlich. Zwei Tage danach wurde er von Alice Shalvi als anti-israelisch* bezeichnet, während mein Vorschlag, eine deutsche Gruppierung der European Jews for a Just Peace zu gründen, mit Unbehagen, sogar mit Misstrauen aufgenommen wurde: Auf der Liste, die ich ausgelegt hatte, trugen sich nur fünf Frauen ein. Eines der Argumente, das mir entgegengebracht wurde, war, dass Diaspora-Juden sich lieber mit der hiesigen Politik beschäftigen sollen, als mit der israelischen. Der Staat Israel wurde jedoch gegründet, um eine Heimstätte für alle Diaspora-Juden zu schaffen. Theodor Herzl, Israel Zangwill und andere ließen allerdings zunächst die Frage offen, ob auch nicht-verfolgte Juden dorthin ziehen müssten, doch selbst die frühe zionistische Politik, und danach die israelische, wurde durch die verhängnisvolle Frage einer jüdischen Mehrheit bestimmt. Um diese Mehrheit zu verwirklichen war eine große und am liebsten eine europäisch geprägte jüdische Einwanderung nötig. Nach der Staatsgründung 1948 wurde ein Rückwanderungsrecht für alle in der Diaspora lebenden Juden und Jüdinnen in der israelischen Gesetzgebung verankert, egal ob wir oder unsere Vorfahren selbst den Fuß auf die heilige Erde gesetzt hatten oder nicht. Dieses Recht sollte Diasporajuden vor antisemitischer Bedrohung schützen, es gilt noch bis heute. Ministerpräsident Sharon begrüßte deswegen den angeblich wachsenden europäischen Antisemitismus, weil jetzt alle Juden nach Israel einwandern müssten. Kürzlich bekräftigte er, daß er seine Politik für alle Juden mache. Da die israelische Politik für uns gemacht wird, ob wir sie wollen oder nicht, haben wir durchaus das Recht, sie zu kritisieren, sie gar zu verurteilen. Allerdings auch ohne den Vorwurf als anti-israelisch oder nach dem heutigen inflationären Gebrauch als antisemitisch angeprangert zu werden. Ich würde sogar behaupten: Es ist unsere Pflicht, uns mit der israelischen Politik auseinanderzusetzen, denn sie geschieht tatsächlich in unserem Namen. Jeder von uns hat für die abgerissenen Häuser palästinensischer Familien, die herausgerissenen Olivenbäume, die systematische Zerstörung ihrer Lebensgrundlage, für die tagtägliche Verachtung der Menschenrechte und das Morden auf palästinensischem Boden herzuhalten. Auch Schweigen ist Handeln. Da ich in einer zionistischen Familie aufwuchs und selbst lange brauchte, um mir das unschöne Bild von uns als nicht nur Opfern sondern Tätern vor Augen zu führen als junger Mensch verteidigte ich eine Zeitlang sogar getanes Unrecht, um ans Ziel zu gelangen kann ich die Blindheit anderer Juden heute noch verstehen, obwohl ich sie nicht mehr entschuldigen will. Besonders den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden, doch auch osteuropäische Juden, die vierzig Jahre lang unter dem kommunistischen Totalitarismus zu leiden hatten, fällt es schwer, Israel zu kritisieren. Die ausbleibende Kritik bezieht sich leider nicht nur auf israelkritische Äußerungen in der Öffentlichkeit, sondern auf eine innere psychische Hemmung, die es nicht erlaubt, in anderen Kategorien zu denken, als in den seit Jahrzehnten vorgeschriebenen, allzu häufig instrumentalisierten Kategorien von Juden als Opfern, im permanenten Kampf gegen den Antisemitismus. Wir dürfen unseren Rettungsanker Israel nicht kritisieren, geschweige ihn denn verurteilen, nach der Devise: My country right or wrong. (Mein Vaterland, im Recht wie im Unrecht.) Aber zu was für einem gelobten Land stehen wir? Wenn wir in den Spiegel schauen, wessen Gesicht schaut uns entgegen? Kein israelischer Soldat will sich mit den Deutschen der Nazi-Zeit vergleichen, jeglicher Vergleich mit der Lage der Palästinenser heute und der Ermordung der Juden damals wird mit Entsetzen zurückgewiesen. Doch eine Ausgrenzung von Menschen, die zu ihrer Vertreibung und möglicher Auslöschung führt, ist ein Prozess, der die fortschreitende Verrohung der Gesellschaft, ihr Abstumpfen und die Verneinung ethischer Werte von jedem Einzelnen beinhaltet, der nur auf bestimmte Stimmen hört die alt vertrauten und sich für andere die unbequemen neueren - taub macht. In Israel ist dieser Prozes schon längst im Gange. Wir werfen noch bis heute den Deutschen vor, sie hätten damals nichts gewusst, weil sie nichts wissen wollten. Mit diesem Satz im Kopf, als ich im September 1982 aufstand, das Radio anschaltete und hörte, wie israelische Soldaten dem Massaker von Sabra und Schatila schweigend zusahen, begann ich mit der unbequemen Arbeit der Wahrheits-suchung. Reichlich spät, muss ich heute sagen. Nicht in unserem Namen! Sag nicht, du hast nichts davon gewußt sind die Leitsätze der 2002 in Amsterdam gegründeten European Jews for a Just Peace, die jetzt in neun europäischen Ländern auch in Deutschland (Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost) Schwesternorganisationen hat. Von der Reaktion in Bet Debora war ich letztes Jahr bitter enttäuscht. Gerade hier, dachte ich, sollte es Platz für selbständig denkende Frauen geben. Die Zukunft Israels hängt von einem guten Zusammenleben mit den Palästinensern als gleichberechtigten Bürgern ab, und nicht als Untertanen. Anstatt sich in Unschuld zu hüllen und auf die Fehler und Verbrechen der Araber hinzuweisen, um die israelischen zu rechtfertigen die israelische Besatzung der Westbank und des Gazastreifens existierte lange vor den Selbstmordattentaten sollen wir gefälligst im eigenen Hause aufräumen, und es den Palästinensern überlassen, für sich dasselbe zu tun: Dazu sind sie durchaus in der Lage. Der Einfluss von Diaspora-Jüdinnen und -Juden auf die israelische Politik ist nicht zu unterschätzen. Es gibt Frauenorganisationen in Israel, die verzweifelt ein Gehör im Ausland suchen, wie zum Beispiel: Mahsom (Kontrollpunkt) Watch. Selbst Salomon Korn, Stellvertretender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach von der Notwendigkeit, Israel vor dem eigenen Untergang zu schützen, indem man die gegenwärtige Politik ablehnt. Das Ende hat noch nie die Mittel geheiligt. Ruth Fruchtman ist seit vielen Jahren Mitglied im Arbeitskreis Nahost Berlin und Mitbegründerin der Jüdischen Stimme für Gerechten Frieden in Nahost (EJJP Deutschland). Im April 2002, zusammen mit anderen in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden gab sie ihr Rückwanderungsrecht nach Israel auf. Ihr Hörfunkfeature: Der Zionistische Traum Das Ende einer Illusion wurde 2003 im Westdeutschen Rundfunk Köln (WDR) und 2004 im Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) gesendet. Anmerkung zur gegenwärtigen Lage In den letzten Wochen hat Ministerpräsident Scharon seinen Entschluss zwar bekräftigt, die Besatzung des Gazastreifens und einen Teil der Westbank zu beenden, ggf. um die Gründung eines palästinensischen Staates zu ermöglichen. In welchen Grenzen dieser Mini-Staat entstehen soll, ist noch unbekannt; die meisten jüdischen Siedlungen werden bleiben, was bedeutet, dass die Palästinenser noch mehr Land werden aufgeben müssen. Aufgabe ihres Rückkehrrechts ohne soviel ich weiß Entschädigung - wird auch gefordert, und die von der israelischen Regierung systematisch betriebene Lynchjustiz lässt ein zutiefst erniedrigtes, gebrochenes Volk zurück. Diese sind keine Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden. |
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