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Journal 3 in 2003 |
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Tanya Ury Neue Meister: Tanya Ury 2000-3 - Stechmücke Ein zerbrechlicher alter Mann öffnete die Tür zur Praxis. Das war also Hannes Lange, dachte Hermè; sein kränkliches Aussehen gab ihr zu denken. Sie litt unter Rückenschmerzen, und ein Gefühl der Beklemmung in der Brust erschwerte das Atmen. Osteopathie und Massage hatten keinerlei Erleichterung gebracht, deshalb hatte Hermè sich entschlossen einen Akupunkteur aufzusuchen. Jetzt, beim Anblick des Arztes, war sie sich nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee gewesen war. Sie zögerte auf der Türschwelle und lächelte unbeholfen, aber der Arzt winkte die junge Frau nachdrücklich mit seiner knochigen Hand herein. Hermè folgte ihm durch die Diele in einen Raum, der mit mehreren Sofas, auf denen große Kissen lagen, bequem möbliert war. Die Tatsache, dass er krank aussah, bedeutete nicht, dass er ihr nicht helfen konnte, dachte sie und entschied sich, im Zweifelsfall ihm zu vertrauen, schließlich hatte er einen guten Ruf im Dorf. Hannes Lange verließ das Zimmer, damit sie sich ausziehen konnte. Als sie den Kopf hob, um ihre Kleider darüber zu streifen, bemerkte sie einige kleine gerahmte Aquarelle und größere, in Pastellfarben gemalte Seidenbilder an den Wänden. Hermè stemmte ihren Körper auf die hochbeinige Behandlungscouch, legte sich zurück und wartete. Sie schaute über die Landschaft ihres zierlichen Körpers. Ihre Knie zitterten. Sie fühlte sich verletzbar und fror trotz eines in der Nähe aufgestellten elektrischen Heizkörpers und des milden Frühlingswetters. Hermè konzentrierte ihren Blick auf die Wand vor ihr; sie wusste, dass die Bilder, die wildeblumen und blasse mottenähnliche Kreaturen zeigten, von Mr. Langes Frau Detta stammten, einer Mitbegründerin des Zentrums für natürliche Heilpraxis in Totnes. Sie hatte auch die türkisblauen und grünen kleinen Teppiche und Kissenbezüge, mit denen diese Mischung aus gemütlichem Zuhause und Arztpraxis ausgestattet war, gefärbt und gewoben. Hermè hatte Detta öfters auf dem Marktplatz gesehen, manchmal in Begleitung ihrer hübschen Tochter, die nicht viel älter als sie war und jetzt in einiger Entfernung von Totnes in der Stadt lebte. Hannes dagegen hatte Hermè noch nie getroffen. Der Arzt ließ sich Zeit. Ein penetranter Weihrauchgeruch stieg ihr in die Nase; aus den Augenwinkeln konnte sie das bekannte blaugraue Muster einer Dartington Pottery Tonschale sehen, aus der kleine Rauchwolken aufstiegen. Die Langes stammten nicht aus der Gegend. Hermè vermutete, dass das Ehepaar aus ähnlichen Gründen wie sie nach Totnes gezogen war, also nicht nur wegen der schönen Umgebung. Obwohl South Devon von einem konservativen Geist beherrscht war, hatte sich Totnes, diese Oase der Nonkonformität, an das Dorf Dartington grenzend, zu einem Epizentrum der alternativen Szene entwickelt. Hermè, so wie die Langes wollten damals ein Teil dieser Bewegung werden. Alles hatte vor ihrer Zeit in den 30er Jahren angefangen, als das Ehepaar Elmhirst, von philanthropischen Idealen durchdrungen, eine Modell-Gemeinde, auf humanistischen Idealen basierend, zu errichten versuchte. Sie bauten kleine Häuser für die örtlichen Arbeitslosen. Zu jedem Haus gehörte ein Garten, genauer gesagt, ein Gemüsebeet. Zudem wurde neben anderen Projekten eine kleine Textilfabrik gebaut, deren Energiebedarf durch eine Wassermühle gedeckt wurde. Die Elmhirsts betätigen sich auch als Kunstmäzene. Sie bauten eine Schule, ein College, ein kleines Theater, ein Kino, ein buddhistisches Refugium und eine internationale Sommerschule für Musik. In seiner Blütezeit hatte Dartington Koryphäen wie dem Architekten Walter Gropius und dem Komponisten Berthold Goldschmidt, einem Freund der Familie - beide waren aus Nazi-Deutschland geflohen -, einen sicheren Zufluchtsort im Süden Englands geboten. 1933 baute Gropius dort ein Schulhaus im Bauhaus Stil und 1938 entwickelte Goldschmidt mit der niederländischen Tanzcompagnie Jooss dort ein neues Ballettstück. Fünfzig Jahre später hatte sich vieles verändert. Künstler und Idealisten von Rang und Namen blieben nicht länger als für die Dauer ihres Dartington Stipendiums, und nur wenige machten es zu ihrem Zuhause, denn bis auf die Sommerschule passierte dort nichts Interessantes mehr. In den 80er Jahren zog Dartington immer noch viele Individualisten an, die dem Mythos früherer gloreicher Zeiten huldigten. Es wurden ein vegetarisches Restaurant (Cranks) und einige Handwerksläden eröffnet, und der Ort wandelte sich in ein Tourismuszentrum, Dartington Estate genannt. Totnes, der Nachbarort, der ebenfalls nur in den Sommermonaten lebendig war, wurde zu einer Zufluchtstätte für Aussteiger aus den Metropolen. Hermè und ihr Partner verließen 1979 die Stadt, um ihren eigenen Traum von einer ökologischen Gärtnerei in Devon zu verwirklichen. Vorher jedoch arbeitete sie, um den Lebensunterhalt zu sichern, als Köchin in einem Altersheim und ihr Partner Brian Amey als Gärtner für Dartington Estate. Trotz der vielen Mühe kamen sie weder zu einer Gärtnerei, noch zu Kindern, die sie sich so sehnlich gewünscht hatten. Wenigstens zum letzten Problem wollte Hermè sich heute von dem Heilpraktiker beraten lassen. Endlich kam Hannes Lange zurück. Hermè stockte der Atem: Seine körperliche Erscheinung war tatsächlich besorgniserregend, aber er ging behutsam und freundlich mit ihr um, schaute ihren Körper von Kopf bis Fuß an, fühlte ihren Puls und begann die Behandlung zu erklären. Dann, als hätte er Hermès unausgesprochene Frage geahnt, erklärte er, dass er in einer guten körperlichen Verfassung sei, in seiner Kindheit hätte er sich mit Polio infiziert. Als sie in sein Gesicht schaute und seine blauen Augen bemerkte, begriff Hermè, dass er in seinen jungen Jahren trotz seiner Verkrüppelung gut ausgesehen hatte. Im hohen Alter nun konnte er seine Behinderung nicht mehr kompensieren, jetzt sah er einfach eigenartig aus. Sein weißes Haar war zwar seidig, aber ohne Facon und zu lang. Er war groß und dünn und hatte eine Hakennase, die aus seinem langen, blassen Gesicht ragte. Es war schwer zu sagen, wie alt diese Verkörperung Don Quichottes war. Seine Finger und Glieder bogen sich in unerwarteten Winkeln. Er bewegte sich unbeholfen um die Couch herum, schwebte dann wie eine Stechmücke über Hermè und steckte die Nadeln in ihren Körper. Hermè erkundigte sich höflich auf Deutsch nach seinem Akzent. Hannes nahm sanft ihre Hand (seine war warm und trocken), bat sie still zu halten, und bejahte ihre Frage, ja, er sei Deutscher gewesen, doch das sei alles lange her. Er und seine Familie hätten seither an vielen Orten gelebt, bevor sie schließlich nach Totnes gezogen seien. Er erzählte, wie sein Enkel ernsthaft erkrankt sei, und er und seine Frau das Kind gepflegt hätten und sich jetzt noch um es kümmerten. Davor habe Detta beim Film gearbeitet und die Kostüme für Anne of a Thousand Days entworfen, berichtete er mit einem Hauch von Stolz. Sie seien auch in Amerika gewesen. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hätte Detta häufig eine Hopi Indianer Reservation besucht, und die Erlaubnis bekommen, die geheimen Bräuche dieses Volks zu studieren. Aber letztendlich wäre es die englische Landschaft gewesen, die beide gefangen genommen hätte. Totnes, das hübsche, im sanften, hügeligen, englischen Südwesten eingebettete Dorf, schien Naturheilpraktiker anzuziehen wie ein Buddleia Strauch die Schmetterlinge. Bis dahin hatte Hannes Lange fast nichts über seine persönliche Vergangenheit erzählt. Er bemerkte den Schweiß auf ihrer Handfläche und fragte Hermè, ob sie Angst hätte, und machte eine Bemerkung über ihr gutes Deutsch. Hermè erklärte, dass ihre Familie deutsch gewesen sei, aber auch jüdisch. Die Nadeln fingen an ihre Haut zu reizen und sie wurde unruhig. Der Arzt bat Hermè noch einmal still zu liegen, damit die Nadeln ihre Wirkung tun könnten; er wolle ihr eine Geschichte erzählen, die sie bestimmt interessieren würde. Ob sie gewusst hätte, dass kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs von Faschisten als entartet bezeichnete Künstler aus Deutschland hätten fliehen, oder mit dem Schlimmsten rechnen müssen. In seiner kurzen fesselnden Geschichte ging es um einen bekannten, aber verbotenen Künstler, der während der Kriegszeit von einem hochrangigen Nazi-Offizier unterstützt wurde, indem er ihm in einem Gebäude, das der SS gehörte, ein Atelier besorgte. Unter dem Dach eingesperrt, schuf dieser Künstler weiterhin seine Meisterwerke. Es war kein anderer als Karl Schmidt-Rotluff, Mitglied der Künstlergruppe 'Die Brücke'. Hermè war sprachlos. Ihre Haut kribbelte und brannte dort, wo die Nadeln steckten; es summte in ihren Ohren. Dies war mehr als bloß eine interessante Geschichte über einen berühmten Maler. Hannes Langes präzise Beschreibung des Gebäudeinneren ließ wenig Zweifel daran, dass er selbst Zeuge jener kulturellen und existentiellen Symbiose zwischen einem Nazi-Beschützer und einem Künstler gewesen war. Aber was hatte er da zu suchen gehabt, fragte sie sich und fürchtete sich gleichzeitig vor der Antwort. Sie fühlte sich hilflos, so wie sie da lag. Ein Gefühl der Empörung stieg in ihr auf, dass der Arzt, der wohl eine Reaktion erwartete, ihr in ihrem Zustand diese Geschichte zugemutet hatte. Hermè konnte die Nadeln nicht mehr spüren, aber als sie an sich herabschaute, stellte sie fest, dass sie noch da waren. Ein warmes, angenehm pulsierendes Gefühl durchströmte ihren Körper, eine Wirkung der Akupunktur. Sie schloss erneut die Augen und dachte nach. In ihrer eigenen Familie und ihrem Freundeskreis hatte es viele jüdische Künstler gegeben, die in Deutschland als entartet betrachtet worden waren. Die, die Glück gehabt hatten, wie Berthold Goldschmidt, waren ins Exil gegangen. Andere, wie der Künstler Eric Doitsch, hatten sich für die Dauer des Krieges in den Wäldern versteckt. Pilze und alles, was die Natur an Essbarem bot, bewahrten ihn vor dem Verhungern. Eric, der später Dozent an der Slade School of Art in London wurde, war nicht berühmt genug, als dass man Maßnahmen zu seiner Rettung getroffen hätte. Wäre er entdeckt worden, hätte das seinen sicheren Tod bedeutet. Wenn ein SS-Offizier Schmidt-Rottluff eine Zuflucht gewährte, und dieser sie annahm, war dann der Künstler nicht halbwegs Mittäter, und konnte man ihn dann noch als geächtet betrachten? Andere bekannte Künstler wie George Grosz, die auch mit dem Etikett entartet belegt wurden hatten sich, obwohl sie keine Juden waren, schon sehr früh entschieden, dem Regime den Rücken zu kehren und nach Amerika zu emigrieren. Ob man Hannes Lange als unschuldigen Zuschauer in jener Situation, die er beschrieben hatte, ansehen konnte, war eine weitere Frage, die sie nicht los ließ. Aber sie schwieg. Und erschwerte damit Hannes Lange die Möglichkeit einer Erklärung. Auch wich sie der Herausforderung aus, das Ausmaß seiner Verstrickung aufzudecken. Hermè unterdrückte ihre Wut. Darin war sie eine Meisterin. Über die Jahre hatte sie gelernt das Thema Familiengeschichte zu vermeiden, eine notwendige Strategie im England ihrer Jugend, in dem der Erwähnung des Holocausts, diesem nie versiegenden Quell des Leids, meist mit Verständnislosigkeit begegnet wurde. Es war offensichtlich, dass diese Umgehensweise ein bloßer Schutzmechanismus ihrer Mitbürger war, die, konfrontiert mit solch unermesslicher Trauer, oft sogar Verachtung zeigten. Vertrauen in die Zukunft ist ein probates Heilmittel um diese Art von Gemütskrankheit zu kurieren. Aber ihre Unfruchtbarkeit hatte ihre Hoffnung auf die Zukunft getrübt, und sie bemerkte kaum die Schwelle, von der ab sie begann, sowohl die Zukunft als auch die Vergangenheit zu verdrängen. Wie leicht war es diesem deutschen Arzt gefallen diese Geschichte zu erzählen und wie unmöglich war es für Hermè eine passende Antwort zu finden. Sie öffnete die Augen und richtete wieder ihren Blick auf die Wand vor ihr. Dettas ansprechende Seidenbilder kamen in ihr Blickfeld. Die schönen Lepidoptera waren zu lange dem direktem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen und die Farben waren verblasst. Hermè wurde alles zu viel. Schläfrig überließ sie sich den Sonnenstrahlen und schwebte auf ihnen davon. Einige Zeit später holte ein stechendes Gefühl sie in ihren Körper zurück. Hannes Lange hatte begonnen die Nadeln zu entfernen. Aber das lastende Schweigen hielt an. Er holte die letzten Nadeln heraus und sie beließ es dabei. Hermè kehrte nicht für eine weitere Behandlung zurück. Erst rund zwanzig Jahre später, lange nachdem ihre kinderlos gebliebene Mischehe zu Ende war und sie bereits in Deutschland als Künstlerin und Autorin lebte, erinnerte sie sich wieder an Hannes Lange. Sie schaute in verschiedenen Künstlerbiographien nach, fand aber keine Erwähnung einer Kollaboration zwischen Karl Schmidt-Rotluffs und der SS, oder einen Hinweis darauf, dass er je gezwungen gewesen war unterzutauchen. Köln, April 2003
NEW MASTERS: Stick Insect
Tanya Ury 2000-3 A frail old man opened the door to the practice.
So, this was Hannes Lange, Hermè concluded; his sickly demeanour
caused her misgivings. She had been suffering from back pain, the tight
feeling in her ribs made breathing uneasy. Osteopathy and massage had
failed to give relief, so Hermè decided to visit the acupuncturist.
Now, having seen the doctor face to face, she wasn't sure this had been
a good idea. She hesitated on the doorstep and smiled awkwardly but the
doctor confidently waved the young woman in with a bony hand and Hermè
followed him through the hallway into a room that was comfortably furnished
with sofas and large cushions. The fact that he looked ill did not mean
he could not help her, she thought and decided to give him the benefit
of the doubt; he had a good reputation in the village, after all. |
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