Journal 3 in 2003
Das eigene Erleben

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Marion Kahnemann
Dialog mit dem Text

Mein Hauptthema ist der „Mensch“ - in seinen Möglichkeiten, Begrenzungen, Sehnsüchten, Einsamkeiten und Brüchen. Vorallem die Brüche interessieren mich.

Skulptur ist ein begrenztes Medium für das Erzählen von Geschichten - aber genau diese Begrenztheit kann „Denk-und Gefühlsräume“ öffnen. Durch die Verwendung von Fundstücken, die von menschlichem Gebrauch geprägt sind, sich aber oft kaum noch auf ihren Ursprung zurückführen lassen, schaffe ich Räume für freie Interpretation, für die individuelle Sicht, sowohl für meine als auch für die des Betrachters. Grundlage meiner Arbeit ist es, das Staunen, daß sich hinter den Alltagsdingen verbirgt, zu suchen und in einen menschlichen Kontext zurückzuführen. Dabei lasse ich mich von landschaftlichen aber auch von gebauten Strukturen anregen. Gespräche, Beobachtungen, Geschichten fließen mit ein. Das vor Ort gefundene Material gibt den Rahmen vor.

Ergänzend ist für mich seit mehreren Jahren die Auseinandersetzung mit rabbinischen Schriften als eine der wichtigsten Quellen der Inspiration. Es ist vor allem das Dialogische, im Fluss befindliche, was mich daran fasziniert. Diese Texte haben über Jahrhunderte jüdische Anschauungen entscheidend geprägt. Jede Generation hat Neues aus ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen hinzugefügt und so den Dialog mit dem Text lebendig und relevant gehalten. Die poetischen Wortbilder und das Einsetzen an Bruchstellen menschlicher Entscheidung ermöglichen, uns die Texte in verschiedenen Erfahrungs-und Deutungsebenen anzueignen, sie auf diese Weise nach jüdischem Verständnis zu “lernen“ und die Traditionskette weiterzuschreiben.

In einem mittelalterlichen Midrasch, dem Seder Elijahu Suta, steht:

„....Es waren einmal zwei Diener, der eine klug, der andere töricht, und beiden schenkte der König je ein Maß Weizen und ein Bündel Flachs. Der Tor tat beides in eine Truhe, damit es sich für immer unverändert erhielte. Der Kluge spann den Flachs, wob ein Tuch daraus und buk köstliches Brot aus dem Weizen. Er legte das Brot auf das Tuch und lud den König ein, sein hochgeehrter Gast zu sein.“

Das Ziel der Auseinandersetzung mit jüdischen Texten ist keine plumpe eindimensionale Illustration, sondern die Suche nach meinem persönlichen Platz in der Tradition und nach der Möglichkeit, diese heute weitergeben zu können. Es geht darum, den Dialog mit dem Text anzuregen und die verschiedenen Lebenswahrnehmungen zu integrieren.

Zum Thema „Selbstermächtigung“ noch kurz ein paar erklärende Zusätze:

Jüdische Gemeinden waren immer text-zentriert. Mir ist wichtig, dass diese Texte, also unser gemeinsames Erbe, nicht von einzelnen Gruppen für sich und für eine allein gültige Wahrheit vereinnahmt, und damit oft ihrer Flexibilität und Dialogik beraubt werden. In diesem Sinne „ermächtige ich mich selbst“, in den Dialog mit dem Text zu treten. Allerdings macht dieser Dialog nur Sinn, wenn wir, ich meine wir Juden, irgendwann hoffentlich in der Lage sein werden, diese Texte gemeinsam und dialogisch zu studieren, also unabhängig von den einzelnen jüdischen Richtungen.

Das schließt die ein, die bisher noch keinen Zugang zu diesen Texten gefunden haben, aber auch die, die seit ihrer frühen Kindheit damit vertraut sind. Wir verlieren sonst unsere gemeinsame Sprache, und das war über Jahrhunderte der Dialog mit dem Text. Das Ergebnis sieht man in immer erschreckenderer Form. Auf der einen Seite äußert es sich in einem zunehmenden Substanzverlust und auf der anderen Seite in einer wachsenden Intoleranz und Respektlosigkeit. In diesem Zusammenhang ist „Macht“ allerdings kontraproduktiv, da „Macht“ Dialog verhindert. „Macht“ ist aber im Jetzt-Zustand in allen Lebensbereichen das, worum sich alles dreht, deshalb ist es wichtig, sich an diesem Wort zu reiben, aber es kann für mich nicht das Ziel sein. Ich halte es da mehr mit Martin Buber und seinem dialogischen Prinzip.

Marion Kahnemann - Bildhauerin, in ihren Werken spiegelt sich eine Auseinandersetzung mit rabbinischen Schriften wider, lebt in Dresden

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