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Journal 3 in 2003 |
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Irene Runge ...hängt auch davon ab, wie unsere Alten uns erzogen haben Vorbemerkung: Wer oder was ist jung, wer oder was alt in einer Zeit
neuer Weltordnungskriege, deren Abläufe erst nach und nach erfasst,
deren kulturelle Folgen noch nicht absehbar sind? Als symbolische Generation (Kon) gelten jene, die von gleichen oder vergleichbaren historischen Erlebnissen geprägt sind. Hier verliert die chronologische Differenz zugunsten des gemeinsam Erfahrenen und Gedachten an Bedeutung (so die Generation der Kämpfer und Opfer des Faschismus). In der Gesellschaft dient der Unterschied der Lebensalter zur generativen Strukturierung (s.a. Debatte Rentenalter). Altershierarchien werden bewahrt und bewahren selbst dann, wenn ihre Funktionalität längst nicht mehr besteht (s. Wissensverfall als Funktion der Zeit). Wie auch immer: Es bleibt die Verantwortung. Sie ist eine kulturelle Erbschaft, durch Familie, Gruppe und gesellschaftliche Institutionen vermittelt, muss jeder Mensch sdie aufs Neue erlernen. Die Tradition geht von den Alten auf die Jungen (den Söhnen/Töchtern/Kindern sollst du erzählen von Mizrajim), der Nachwuchs wird zum Träger fortzusetzender Erfahrung erzogen. Dialog(fähigkeit), Bereitschaft zu Übernahme und Veränderung sind voraussetzt. Ist die Traditionsfolge unterbrochen wie durch die Shoa, kann die gemeinsame Zukunft nicht mehr wie selbstverständlich als logische und historische Fortsetzung des Gewesenen verstanden werden. Es entsteht das Bild einer Gegenwart und Zukunft als privatem Neuschöpfungsprozess. Die Verantwortung ist aus dieser Sicht eine rein persönliche Angelegenheit, wie zufällig entstanden und von irgendwoher übernommen. Als Tradition erscheint, was kommerzialisiert worden ist und aus den kulturellen Angeboten ausgewählt werden kann. Beliebigkeit ersetzt damit das Folgerichtige. Die Lebensentwürfe basieren zwar auf frühkindlicher Sozialisation und Enkulturation, doch mangels ererbter kultureller Kontinuität sind Lücken und Löcher vorhanden, diese füllen sich mit wechselhaften selbstausgewählten Identitäten (Konversionen, Übernahme fremder kultureller Symbole). Wenn überhaupt, dann ist die Verantwortung der Jugend für die Alten daraus abgeleitet, welche Aufgaben (Rollen) die Generationen füreinander übernehmen. Die kulturelle Differenz durch Lebenszeit, das ungleichzeitige Versagen bzw. Beharren der Alten, die ihre softpower zur Durchsetzung generativer Pflichten nutzen (fundamentalistisch), darauf verzichten (neoliberal), sich rückzubesinnen suchen (konservativ) bzw. derer subtil oder brutal durch den Nachwuchs entledigt werden, markiert das Geschehen. Werte, Ideen, Moral und Recht (überlieferte und sich anzueignende subjektive Seite der Kultur), Organisationen und Institutionen (als deren soziale) und die materielle Seite (nach G. Bierbrauer) beeinflussen sich wechselseitig: neue, zeitgemäße Ausprägungen fördern Überlappungen und Ausschließlichkeiten. Ist Kultur wirklich software of the mind which distinguishes the members of one group from another (Hofstede)? Auf jeden Fall, argumentiert dieser, ist sie uns so selbstverständlich, dass wir erst durch Kontakt oder Konflikt mit anderen Gruppen auf sie aufmerksam werden. Aus dieser Sicht kann sich das Verhältnis zwischen alt und jung sehr schnell zum Politikum wandeln (Ablösen nach Plan, Ausgrenzung nach Lebensalter, Beibehalten der Positionen bei akkumulierter Macht und Wissensmonopolen). Das Dilemma der Ablösung und Ausgrenzung scheint moderne westliche Gesellschaften zu charakterisieren, während streng reglementierte orthodoxe Gesellschaften mit starren hierarchischen Reglements des Familien- und öffentlichen Lebens sich machtvoll dagegen behaupten. Alter und Jugend, Wechsel und Tradition Wie auch immer die Lebensalter definiert sind und Macht wie Autorität sich gestalten, es geht stets auch um Verantwortung von Generationen füreinander. Das Altern ist ein biologischer und kultureller Prozess in der Zeit, es prägt die Lebensstufen folgenreich im Nacheinander. Altern ist als Funktion der Zeit nicht umkehrbar. Die jüdische Überlieferung zum Thema ist eher idealtypisch und wird durch fundamentales Beharrungsvermögen charakterisiert. Dabei bleibt zu bedenken, dass es um aufgegebenes, vernichtetes, zusammengesetztes, wiedergefundenes und neu zu bestimmendes Judentum geht. Dazu gehört die Verantwortung als Pflichtenkatalog. Es handelt sich hier um keine abgehobene Theorie, sondern um Lebenshilfe. Dafür sprechen z.B. die Konfliktpotentiale zwischen vier Generationen jüdischer Einwanderer aus der ex-UdSSR, die seit 1990 im Familienverband nach Deutschland gekommen sind und weiterhin kommen (wobei die vierte Generation bereits hier geboren sein kann).Es ist einerseits ein typisches Migrantenproblem: Verhaltensdeterminanten entstehen als Reaktionen auf notwendige Veränderungen, die nicht mehr durch die bisherigen Handlungsstrategien zu lösen sind und sich wechselseitig paralysieren. Andererseits haben wir mit der jüdischen Ethik hinreichend Möglichkeiten, Auswege zu erarbeiten. Interkulturelle Verhandlungsstrategien (nach Bierbrauer) wären erforderlich, doch dies ist den Handelnden nicht bewusst und wird nicht bewusst gemacht. Damit erscheinen Konflikte individuell, aber nicht als Ergebnisse sachlicher Zwänge, die u.a. die sowjetisierte russische Tradition des Umgangs zwischen jung und alt ins Wanken bringt, was konfliktscheu verdrängt wird (Nachwuchs als Sprachmittler in elterlichen Rollen), ohne dass nach jüdischn Antworten gegraben wird. Was ist alt? Auch das jüdische Recht, so der Jerusalemer Rabbiner Weinman während des JKV-Alterskolloquiums 2001, sieht Alter als chronologisch und biologisch an. Selbst das, was wir mit kulturellem Alter umschreiben, findet Beachtung. Nachfolgend beziehe ich mich auf seine Überlegungen, denn der orthodoxe Rechtsanwalt ist ein Experte für halachische Fragen und hat mein Wissen über soziale und kulturelle Alternsprozesse durch ungewohnte Sicht- und Erklärungsweisen bereichert. Es geht um die Interpretation: Ein Sechzigjähriger ist reif an Jahren (Seniorität), ein Siebzigjähriger an Greisenalter (Sprüche der Väter, Kap. 5, Mischnah 24), und im Buch der Chronik heißt es: Und David starb im vollen Greisenalter - als Siebzigjähriger. "Sokejn in Tora oder den Propheten bezieht sich auf Menschen vorgeschrittenen Alters, doch die Weisen, so heißt es, gebrauchen den Begriff für Menschen in hervorgehobener Stellung, also für Weise und Toragelehrte und zwar unabhängig vom chronologischen Alter. Etwa 100 Jahre währt ein Leben, so die Weisen, doch es ist bekannt, dass die durchschnittliche Lebenszeit 70 bis 80 Jahre beträgt (Psalmen, Kap. 90, V. 10) und wir wünschen 120 wie 20, wohl wissend, dass dies nicht eintreten wird. Versteckt sich darin unsere Hoffnung auf die Vorzüge des hohen Alters (120) als geistiger Gewinn gepaart mit der körperlichen Stabilität von Jugend (20)? Alter und Jugend sind in gewisser Weise sozial komplementär. Wer Vater und Mutter ehrt (Ex., Kap. 20, V. 12), dem ist langes Leben versprochen. Der Talmud hat Beispiele altgewordener Weiser, die ihre Regeln weitergeben: Ich bin freigiebig mit meinem Gelde umgegangen, Ich habe keine Geschenke angenommen, Ich habe in meinem Hause nie gezürnt. Die Einhaltung der Gebote verhilft zu langem Leben, denn: Wer bei drei Dingen verweilt, wird mit einem langen Leben gesegnet: Teffillin (Gebetsriemen) tragen, die Bemühung um die Beerdigung der Toten, die Einschränkung des Weingenusses und das Gebot der Wohltätigkeit, denn: Wohltätigkeit schützt vorm Tod (Sprüche, Kap. 10, V. 2). Die Zusammenstellung verblüfft, doch jede einzelne Aufforderung verdient es, bedacht zu werden denn sie verraten uns auch, dass die Disziplin gegen sich selbst ebenso wie die uneigennützige Hilfe für jene, die ihrer bedürfen, wertvolle und erlernbare Tugenden sind. Übrigens soll es, bevor Abraham darum bat, kein Altern gegeben haben! Aus religiöser Sicht hieße das also, zwischen einem jungen und einem alten Menschen war nicht zu unterscheiden. Dann aber alterten selbst die Engel. Im Judentum (wie in den meisten schriftlosen Kulturen) wird das Altern nicht negativ besetzt. Den Gealterten gebührt Respekt, ohne ihre körperlichen Schwächen und andere Einschränkungen zu leugnen. Es wird davon ausgegangen, dass gesammelte Lebensweisheit, Erfahrung, das Nachlassen körperlicher Triebe, die zusätzliche Zeit für das Studium der Tora und die Ausübung ihrer Gebote, fast ideale Lebensumstände sind. In Israel gibt es das kolel für Menschen im Rentenalter, die Altersuniversität, besser: Alters-Jeschiwa. Hier lernen Ältere, also nicht mehr Arbeitende, von und mit jüngeren und jungen Rabbinern man kann sich die dialogische Qualität gut vorstellen. Doch die Fähigkeit zum Lernen im Alter beginnt in der Regel bereits mit dem Willen zum Lernen in der Jugend. Warum werden dem Alter im Judentum so viele Überlegungen gewidmet? Weil zu den Ältesten immer auch die Weisen gehörten, die lebenslang Wissen und damit Macht akkumuliert hatten? Weil ein langes Leben ist ein Segen (Jesaia, Kap. 65, V. 20), das Alter einem Menschen zusätzliche Weisheit verleiht (Job, Kap. 12, V. 12) und weil es heißt: Wer von den Ältesten lernt ist so, als genieße er reife Trauben und alten Wein? Was aber bedeutet der Satz: In der Generation, in welcher der Sohn Davids erscheinen wird, werden die Jungen die Alten beschämen und die Alten werden sich vor den Jungen erheben? Ist das eine prophezeite Wende der Wechselbeziehungen von jung und alt? Doch Propheten gibt es seit Malachi nicht mehr. Werden hier Zeiten beschworen, die den heutigen nicht unähnlich sind? In denen der Respekt der Jungen vor den Alten verloren gegangen ist, in denen die Alten ihre zuvor angeführten Eigenschaften nicht mehr bewahrt haben oder bewahren konnten (geschweige denn weiteregeben) und folglich eine traditionslose Jugend von ihnen die Macht übernommen hat? Wäre dieser Satz also als Warnung zu verstehen? Aber es heißt ja auch: Die Tage des Alters werden auch Tage des Bösen genannt. (Prediger, Kap. 12, V. 1) Was Hans nicht lernt, lernt Hänschen nimmermehr? Das klingt geradezu resignativ, ist allerdings folgerichtig dort, wo die Jugend idealisiert und den Gealterten keine gesellschaftlich relevante Rolle eingeräumt wird. Die Volksweisheit fragt sich nicht, ob denn das Hänschen nicht lernen konnte, wollte oder durfte. Und warum wird dem älteren Hans keine Lernfähigkeit mehr zugetraut? Dies ist keine jüdische Sichtweise. Da jedes hohe Lebensalter auf und aus Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben folgt, raten die schriftliche Lehre und die Weisen, der Mensch solle sich in jungen Jahren körperlich und geistig auf das Alter vorbereiten: Unterweise den Knaben seinem Wesen entsprechend, so dass er auch im Alter nicht davon weicht (Sprüche, Kap. 22, V. 6). Früh übt sich, was ein Meister werden will - sagt der deutsche Volksmund, doch er meint damit nicht: Früh wird eingeübt, was später zu nutzen und zu vererben ist. Auf den altjüdischen Umgang mit dem, was wir heute gender mainstreaming nennen, muss als historische Kategorie hier nicht gesondert hingewiesen werden. Nur dort, wo die Jugend nicht idealisiert ist, kann dem Alter in seiner möglichen Gewichtigkeit entsprochen werden. So heißt es, Tora-Gelehrte erlangen im Alter zusätzlich Weisheit, innere Ruhe und Klarheit, wohingegen jene, die sich nicht mit dem Studium der Tora befassten, im Alter ihre Einfältigkeit steigern. Das lässt sich natürlich auf jede intellektuelle Tätigkeit erweitern und ist geschlechtstunabhängig, doch im gesellschaftlichen Ganzen scheint vor allem im Judentum diese Tugend ein Ideal zu sein. Eins scheint deutlich: Weder der griechische noch der aktuelle Jugendkult haben eine traditionell jüdische Entsprechung. Das sagt allerdings nichts über die modischen Anpassungen in der jüdischen Bevölkerung aus. Praktische Lebenstipps in der Halacha erinnern zwar an die Allgemeingültigkeit volkstümlicher Sprüche wie: Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Doch sind sie mit jüdischer Weisheit nicht identisch. Man achte hier auf die passive Form. Auf Jüdisch ist dies ein aktiverer und selbstbestimmter Vorgang: Ein alter Mensch wird die ihm vertraute Umgebung, seine Stadt und seinen Ort, jeder Alternative vorziehen, selbst wenn diese vorteilhafter zu sein scheint (Samuel 2, Kap. 19, V. 32-39). Erstaunlich ist das Folgende, denn es eröffnet uns Hinweise auf konfliktäre Lebenssituationen, die zur Lösung oder Milderung einer gesellschaftlichen Regelung bedürfen, die von Zeit, Gemeinschaft und kollektiven Erfahrungen zeugen: Die Kleidung einer älteren Frau unterscheidet sich von der einer jüngeren, und es obliegt dem Ehemann (!) die Garderobe seiner Frau ihrem Alter anzumessen. Etwas gleichberechtigter scheint: Heiratete ein Mensch in seiner Jugend und verwitwete er später, so heirate er nochmals, auch wenn er schon alt ist. Denn es ist einem Mann untersagt, ohne Frau zu sein. Und so tue auch eine Frau, wenn sie sich in ihrem Alter wieder verheiraten möchte. Solches sollte aber nur gestattet werden, wenn beide Ehepartner annähernd gleichen Alters sind. So heirate ein junger Mann keine alte Frau und ein alter Mann keine junge Frau, denn dies führt leicht zu außerehelichen Beziehungen. Im Nachfolgenden sind die Wechselbeziehungen zwischen alt und jung, Individuum und Gesellschaft (Gruppe), zu entdecken: Dass ein älterer Mensch zur Erfüllung des Gebotes, Kranke zu besuchen auch gegenüber einem jungen Menschen verpflichtet ist, selbst dann, wenn dies nicht seiner Würde entsprechen mag, klingt umständlich und doch mahnt es an das gewesene Gemeinwesen, dass aus Überlebensgründen wie eine erweiterte Familie funktionieren musste und vom hohen Prinzip der gegenseitigen Verantwortung bestimmt worden ist. Der alte Kranke war demnach wie ein junger zu heilen, keiner also zu bevorzugen, und der Gealterte war verpflichtet, sich an der Beerdigung der Toten zu beteiligen, auch wenn dies seinem Stande unangemessen war. So ist ebenfalls festgelegt, dass alte Männer aufgefordert sind, sich am Bau eines rituellen Tauchbades in ihrer Stadt zu beteiligen, selbst dann, wenn ihre Frauen schon so alt sind, dass sie es nicht mehr benötigen. Auch hier sehen wir das Gemeinschaftswesen mit seiner kollektiven Erfahrung, in dem ungebundene Altersfreizeit der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird. Das heutige Ehrenamt wird zur Verpflichtung, zum Leitbild nachwachsender Generationen, die die beobachtete und erlernte Verantwortung gerichtet wahrnehmen und dadurch das Weiterleben der tradierten Gemeinschaft garantieren kann.
Eine erste Antwort ist gemeinhin der Hinweis auf die jüdische Altenpflege im Rahmen der Familie, denn überliefert ist, dass vor allem Arme, die Fremden (Proselyten), Waisen und Witwen als schwächere Mitglieder der Gesellschaft gelten und folglich der Wohltätigkeit und sozialen Fürsorge bedürfen. Sind die Gealterten jedoch arm, verwitwet, einsam, fremd (was keine Seltenheit ist), dann gilt gleiches für sie, obwohl (nicht nur, aber vor allem in religiösen Kreisen) die familiäre Funktion der Fürsorge weiterhin maßstabsetzend ist. Je emanzipierter eine Familie, desto schwieriger die Befolgung einer solchen Pflicht (Kleinfamilie, Singlehaushalte, Berufstätigkeit aller erwachsenen Familienmitglieder). Es gab bereits wohltätige Stiftungen und Organisationen zur Armenhilfe, Krankenpflege oder Bestattung der Toten, noch bevor das erste jüdische Altenheim in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im polnischen Krakau, und das zweite 1749 in der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam gegründet wurde. Im 19. Jahrhundert wuchs die Zahl jüdischer Altenheime parallel und als Folge der Entwicklung der Industriegesellschaften und damit verbundenen Veränderungen auch im Leben jüdischer Familien. Heute ist das Altenheim fester Teil der Gemeinden (wie Kindergärten, die in der Regel kaum mehr an einen Cheder erinnern und doch an seine Tradition anknüpfen). Der Wandel der Strukturen, geringe Geburtenraten außerhalb von streng religiösen Familien, der Zerfall der tradierten Gemeinschaften, gemischte Ehen und die Auslagerung familialer Funktionen bzw. ihre Übernahme durch staatliche oder privatwirtschaftliche Institutionen haben das beendet, was einst keine Alternative hatte. Kaum untersucht scheinen die Folgen der Schoa auf, für und in den Altersprozessen mit ihren kulturellen Dimensionen der jüdischen Bevölkerung Europas. In den meisten Ländern wurde das Judentum fast zur Unauffälligkeit dezimiert und der generative Zusammenhalt, damit die Selbstverständlichkeit der Einübung kultureller Gewohnheiten usw. ausgelöscht. Von Normalität bei der Weitergabe jüdischer Erfahrung und jüdischer Tradition von einer Generation auf die nächste kann kaum mehr die Rede sein. Die Träger des Wissens und der Erfahrung sind umgekommen oder sie leben fernab von Deutschland und den meisten Ländern Europas. In den nachgeborenen Generationen wird zu oft auf Buch- und Halbwissen, auf Zufälle und eine romantische Folklore vertraut. Ein religiöser und kultureller Eklektizismus hat sich allerorten eingerichtet. Wie also lässt sich heute über das jüdische Regelsystem nachdenken, das Jahrhunderte dem Miteinander der Generationen seinen Verlauf gewiesen hat, wenn es nicht vermittelt wird? Da geht es beispielsweise auch um Funktionen, die sich in der westlichen Welt beim Erreichen des finanziell abgesicherten Renten- oder Pensionsalters automatisch klären und doch aus jüdischer Sicht zu weiterreichenden Überlegungen anregen. Die jüdische Überlieferung kennt natürlich keine stabilen staatlichen Renten und Pensionen. Folglich bestimmte das jüdische Recht, dass ein alter Mensch, dem vor körperlicher Schwäche die Hände zittern, nicht für das rituelle Schlachten von Tieren geeignet und, wenn er aufgrund seines Alters auch nicht mehr klar sehen kann, ihm die rituelle Beschneidung eines Neugeborenen verwehrt ist. Ein Greis sollte, wenn es um Gerichtsfälle geht, in denen über Menschenleben entschieden wird, nicht im jüdischen Gericht dienen, denn er kann vermutlich die Schwierigkeiten der Kindererziehung nicht mehr nachempfinden. Auch könne sein Verhältnis zu wirklicher Grausamkeit verloren gegangen sein. Nach einer Meinung gilt dies bereits für Siebzigjährige, nach anderer trifft es erst auf Achtzigjährige zu. Dann der Ausweg: Würde sich aber niemand finden, der mit dem Gesetz und seiner Interpretation vertraut ist, sollte man dennoch einem Greis den Vorzug geben. Geht es allerdings nicht ums Leben, darf auch ein sehr alter Mensch als Richter fungieren. Regelte sich so auf jüdische Weise der Nachzug des Richters, Schochet oder Mohel aus der nächsten Generation? Welche Konflikte wurden dabei ausgetragen oder unterdrückt? Da alte Menschen nicht mehr arbeiteten, war es in den Gemeinden Brauch, sie von der Zahlung sämtlicher Steuern zu befreien. Zumindest in Deutschland gilt das bis heute und zwar fast paradoxerweise - unabhängig von Renten- und anderen Alterseinkünften, da diese sich nicht gesetzestreu im Spendenaufkommen der Gemeinden niederschlagen. Diese Tradition wird alsbald die Nachgeborenen in ihren Bann ziehen müssen, sollen ihre Gemeinden überleben. In den USA ist das aufgrund der allgemeinen Finanzierungsregeln schon eine lange Selbstverständlichkeit. Direkte Verpflichtungen der Jugend gegenüber den Alten scheinen im Judentum - auf der Basis zuvor zitierter Grundsätze - eher spärlich geregelt. Im Segenspruch für die Gerechten, dem 13. Segenspruch der Amida, heißt es: und über die Ältesten deines Volkes, des Hauses Israels, sei dein Erbarmen rege, und eines der 613 Gebote lautet: Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und das Ansehen eines Greisen ehren. (Lev., Kap. 19, V. 32). Manche halachische Autoritäten meinen, dies schließe nichtjüdische Greise ein. Alter ist hier mit 70 Jahren, bei anderen mit 60 angegeben. Handwerker sind während ihrer Arbeit von diesem Gebot übrigens freigestellt. Ein strenges Gebot, ein Akt der Liebe und des Respekts ist es, sich um seine Eltern zu kümmern, sie bei sich wohnen zu lassen, zu ernähren und zu versorgen. Doch gibt dabei Alternativen, die wiederum auf Lebenswirklichkeiten weisen: So darf, wenn ein Ehepartner gegen den Einzug der Eltern des Ehepartners ist, dies nicht gegen seinen Willen erzwungen werden, und zwar auch dann nicht, wenn dem Einzug der Eltern des anderen zuvor zugestimmt wurde und erst während des gemeinsamen Wohnens klar war, dass die entstandene Situation nicht auszuhalten ist. Wohnen Eltern, die über Geld verfügen, bei den Kindern, sind sie verpflichtet, Miete zu zahlen. Muss der Vater im Alter bei den Kindern leben, dann gilt die Familie der Tochter als günstiger: Bei Streitigkeiten wird ein Schwiegersohn leichter als eine Schwiegertochter zu beschwichtigen sein. Für das Erreichen dessen, was wir als Rentenalter kennen, hat die Halacha ebenfalls vorgedacht: Solange ein Mensch in Führungsposition den Aufgaben gerecht wird, und nichts anderes festgelegt wurde, sollte man ihn nicht wegen seines Alters aus der Stellung drängen. Das ist der halachische Spruch gegen das Mobbing und gilt für Rabbiner, Vorsänger, Synagogenvorsteher und Schuldiener. Für jüdische Soldaten ist die Altersbegrenzung 60 Jahre. Ist es einem Ort Brauch, die Stellung nach einer festgelegten Amtszeit oder mit Erreichen eines bestimmten Alters aufzugeben, soll der Betreffende es tun. Ist eine Begrenzung der Amtszeit weder in vorheriger Absprache, noch durch Brauch des jeweiligen Ortes festgelegt und der Betreffende voll arbeitsfähig und ohne Tadel, soll man ihn nicht aufgrund seines Alters entlassen. Beschäftigt die Gemeinde jemanden im öffentlichen Amt, ohne die Amtszeit vorher begrenzt zu haben und muss dieser sein Amt altersbedingt aus Gesundheitsgründen niederzulegen, ist sie verpflichtet, ihm den vollen Lohn weiterhin zu zahlen. Nicht zuletzt gilt in der Synagoge, dass traditionell die Ältesten vorn, der Gemeinde zugewandt und den Rücken zur heiligen Lade gekehrt sitzen, während die Gemeinde Reihe für Reihe sitzt, den Ältesten und der heiligen Lade zugewandt, auch wird der Greis bei der öffentlichen Toravorlesung vor einem jüngeren Toragelehrten aufgerufen. Sind das nun Hinweise auf Respekt oder Relikte aus Zeiten, in denen nicht Beruf oder Geld, sondern akkumuliertes mündliches Wissen als Faktor aus Lebenszeit die Macht und Autorität befestigten? Und was folgt, wenn solche Überlieferungen aus den unterschiedlichsten Gründen außer Kraft gesetzt werden und damit dem kollektiven Gedächtnis verloren gehen? Eine Schlussbemerkung All das sind Beispiele dafür, wie jüdisches Recht, Tora und jüdische Ethik das Leben der Alten und die Beziehungen zwischen den Generationen traditionell behandeln. Ich habe einige orthodoxe Rabbiner befragt, wie sie und damit das traditionelle Judentum sich dem Thema stellt. Meine Ausführungen sind auch eine Widergabe ihrer Antworten, allerdings mit meinen Zusätzen versehen. Was wir von diesen Traditionen übernehmen, ist wohl vor allem davon abhängig, ob elementare menschliche Pflichten unsere Lebensweisen determinieren oder andere Prioritäten gesetzt sind. Sind wir moderne Egoisten oder Kollektivmenschen? Haben wir uns der Gemeinschaft oder dem Eigenwohl verpflichtet? Das wiederum hängt m.E. auch davon ab, wie unsere Alten uns erzogen haben und weiterhin Einfluss nehmen, wer unsere Vor- und Leitbilder sind, welchen geistigen Müttern und Vätern, welchen Idealen wir nachhängen oder ob wir in einer Welt aus Kommerz und schönem Schein bereitwillig zu ertrinken drohen. Nichts aber ist endgültig, solange wir auf dieser Erde wandeln. Das lebenslange Lernen ist eine jüdische Tugend, die unsere Vorfahren aus den bekannten tragischen Gründen nicht mehr deutlich und verpflichtend den Jungen übergeben konnten, und manche wollten es auch nicht. Die Nachgeborenen sind dennoch keineswegs von der Verantwortung gegenüber der Zukunft, ihren Vorfahren und Nachkommen entbunden. So bleibt am Ende zu fragen, woher diese Jugend eigentlich späterhin wissen wird, worin ihre Verantwortung auch gegenüber dem Alter besteht, wenn ihr diese Pflichterfüllung nicht von den Vorvätern und müttern vorgelebt worden ist? Drehen wir uns im Kreise? Mit dieser Frage könnte der Dialog einsetzen. Dr. Irene Runge - Vorsitzende des Jüdischen Kulturvereins Berlin, 1949 aus dem amerikanischen Exil in die DDR zurückgekehrt, Soziologin und Journalistin, Promotion zu "Altern in der Stadt", 1986 Mitbegründerin der Ostberliner Gruppe "Wir für uns - Juden für Juden" |
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