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Journal 3 in 2003 |
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Carola de Vries In unserer westlichen Kultur wird das Altern meist als ein Absterben, Rückgang, Abnehmen, als Ende des Lebens gesehen, als etwas zu Vermeidendes, Hinauszuschiebendes, zu Leugnendes oder zu Lösendes. Solange wir können, möchten wir aktiv, erfolgreich und jung sein. Die Lebenserwartung nimmt zu: Menschen leben länger, und eine größere Anzahl von Menschen erreicht ein Alter von 70 bis 90 oder gar von 90 bis 120 Jahren. Aufgrund gängiger negativer Vorstellungen und Erwartungen in unserer Kultur fühlen sich die Menschen von ihren Körpern betrogen und vom Leben besiegt. Probleme häufen sich: Rollenidentitätsverlust, Ziellosigkeit, Leere, Depressionen, Angst vor dem Tod, Ohnmacht... Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi sagt in seinem Buch "From Aging to Saging": "Das Problem besteht nicht im Altern selbst. Seine Wurzel liegt vielmehr in den Vorstellungen, die wir uns diesbezüglich machen - unsere kulturell bedingten Erwartungen. Soll unser Lebensabend sich positiv gestalten, so müssen wir unser Paradigma vom Altern ändern, das Muster, das die Qualität unserer Erfahrung bestimmt." Und er fährt fort: "Man kann das Altern als einen Entwicklungsprozess betrachten, dessen Ziel in einer ständigen Bewusstseinserweiterung und einem zunehmenden Gefühl des Einsseins mit dem Leben besteht. Das Alter wird so zu einer Zeit der Entdeckung inneren Reichtums, die Möglichkeiten der Selbstentwicklung und spirituellen Wachstums bietet. Es ist auch eine Zeit der Übergänge und der Vorbereitung auf das Sterben. Jedoch werden Menschen nicht automatisch weise, indem sie ein hohes Alter erreichen. Sie werden weise, in dem Maße, in dem sie die innere Arbeit verrichten, die stufenweise zu einem erweiterten Bewusstsein führt. Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi ist der Gründer des "Spiritual Eldering Institute" (Institut für Spirituelles Älterwerden) in Boulder, Colorado, das Workshops unterstützt, in denen Menschen aller Altersgruppen das psychologische und spirituelle Werkzeug erhalten, um in das Altsein hineinzuwachsen. Dieses Institut bietet Ausbildungen für Menschen, die in diesem Bereich tätig sind, an. Der Bereich des Spirituellen ist ein anderer als der einer institutionalisierten Religion. Er hat zu tun mit der Universalität spiritueller Wahrheit - mit Güte, Menschlichkeit und dem über das Ich Hinauswachsen. Er umfasst Integration und Akzeptanz von Dualitäten und Polaritäten. Er ist persönlich wie auch politisch. Er umfasst sowohl persönliches Ganzwerden als auch soziale Verantwortlichkeit als auch die spirituelle Evolution unseres Planeten. Der Ausgangspunkt ist die Annahme, dass wir Menschen spirituell begabte Wesen sind, die nach Ganzheit streben. Die spirituelle Dimension des Menschen kann nicht erkranken, sondern nur blockiert, verborgen oder unerkannt bleiben. Der menschliche Geist ist der Kern/die Tiefe, aus der wir Kraft schöpfen können. Er ist die Quelle der Erneuerung. Er ist die Quelle des Lebens, des Mitgefühls und der Weisheit. die Wirklichkeit ist multidimensional Die buddhistische Lehre ordnet die Wirklichkeit in
drei Schichten: Die jüdischen mystischen Lehren folgen einem
Paradigmas, das vier Welten umfasst: Die " Spiritual Eldering"-Arbeit spricht ihre Teilnehmer auf allen Ebenen an: Körper, Gefühl, Herz und Denken, Geist und der Bereich der (sozialen) Tat. Jung betrachtet die Entwicklung des Menschen als ein
Hineinwachsen in und Herauswachsen aus Phasen, als eine ständige
Wandlung. Der Mensch kann vier Geburten erleben: offenes Gewahrsein als Ziel oder Teil der Selbstverwirklichung und des Seins - Gotteserkenntnis Diese Geburt ist keine logische, lineare, sondern
eine mögliche, bewusste Tiefenentwicklung Spirituell älter zu werden beruht auf der Annahme, dass wir "den alten weisen Menschen" in uns tragen. Durch dieses innere Bild kann sich der negative Aspekt des Alterns lösen. Altenbewusstsein ist ein sich-bewusst-Sein, ein Wesenszustand. Wir können uns in unserem Leben von diesem Potential, diesem spirituellen Selbst oder verwirklichten Selbst leiten lassen. Wir können lernen, uns auf unsere innere Weisheitsquelle abzustimmen. Altern wird dann zur Gelegenheit spiritueller Reifung, Ganzheit und Integration. Spirituelles Altern ist experimentell; es geht dabei um die Seelenwerdung, um spirituelle Intimität, ein Teilhaben am existentiellen Fluss des Lebens. Ideologien sowie Subjekt-Objekt-Gedankenmodelle verlieren dann ihre Bedeutung. Das medizinische Modell und die Distanz zwischen Professionellen und Patienten sind ein Hindernis bei Heilung, die ihren Ursprung in einer Qualität offenen sich-Gewahrseins und offener Anwesenheit findet, die wiederum im Kontakt von Mensch zu Mensch entsteht. Die Arbeit am spirituellen Altern erfordert eine veränderte Einstellung. Die Arbeit am spirituellen älter-Werden umfasst
vier Facetten: Die Arbeit am Prozess des "Aging to Saging " ist zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Leben möglich. Sie betrifft: Übergange im Leben; die Verarbeitung von Ängsten, Verzweiflung, Verwirrung; den Umgang mit Verlust, Einsamkeit und Beschränkungen; die Entwicklung von Selbstachtung und -akzeptanz, Vergebung und Lebensvollendung, die Schaffung einer bereichenderen Zukunft, die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod. Alle spirituellen, sozialen und Entwicklungsaspekte des eigenen Lebens müssen ernst genommen werden. Diese Arbeit der Rückschau und der Lebensvollendung, die in vielem der persönlichen Arbeit im Sinne der Psychologie und der Psychotherapie gleicht, dient letztendlich der Befreiung bzw. der Schaffung von Einsicht in den Sinn alles Geschehenden. Das Anliegen des "Spiritual Eldering " ist nicht psychologisch oder intellektuell, sondern spirituell. Worauf es ankommt, ist, die Kunst zu erlernen, die Probleme des Lebens in Segnungen umzuwandeln. Wir Menschen müssen unser psychisches Ringen als Teil unserer geistigen Reise sehen lernen. Nur wenn wir uns lösen, uns öffnen, leer werden, in uns gehen und die verborgenen Schätze der Seele erschließen, kann sich der Prozess der Wandlung vollziehen und können sich höhere und subtilere Bewusstseinsebenen öffnen. Ein spirituelles Leben hat kein Ende. Vielmehr kann der Reichtum des Seins ein Segen für uns sein und uns zur Erfüllung unseres Lebens führen. Der spirituelle Sinn des Alters erschließt sich nur dem, der die religiösen, philosophischen und mystischen Erlebnismomente des Daseins aufmerksam entwickelt. Somit ist die Basis für den älter werdenden Menschen, den Professionellen wie den Laien, die innere Arbeit: xxxxxxxxSelbstbetrachtung,
ein liebevoller Zeuge der eigenen Bewusstseinserweiterung werden
auf das Leben einstellen Lassen wir uns also nicht übermäßig auf Probleme, Krankheiten und deren Heilung konzentrieren, sondern eher auf die Charakteristiken und altersspezifischen Möglichkeiten (Stärken und Schwächen) und die gesunde Entwicklung von Menschen, die in der Gemeinschaft leben. Lassen wir uns nicht darauf konzentrieren, wie alte Menschen behandelt und versorgt werden, sondern, wie Henri Nouwen es in seinem Buch "Aging the Fulfillment of Life" ausdrückt: Wie können wir es den alten Menschen ermöglichen, uns von unseren separatistischen Neigungen zu befreien und uns in Kontakt mit unserem eigenen Altern zu bringen." Bis heute umspannt ein Menschenleben in der alten indischen und in der jüdischen Tradition 120 Jahre. Es wird berichtet, dass manche Weisen, wie Moses, wirklich so lange gelebt haben. Wollen wir so lange leben in der Erwartung körperlichen Niedergangs, Schmerzen und Frustrationen - vielen seelischen Schmerzen? Ein spiritueller Rahmen, wie "Spiritual Eldering", kann dazu beitragen, unsere Einstellung und unsere Erwartungen bezüglich der Forderung eines langen Lebens und der "Behandlung" von alternden und alten Menschen zu ändern. Mögen wir also den Alten die Altersweisheit zurückgeben und mögen wir das tödliche oder todgleiche Dasein (das das Altern in unserer Kultur so oft gefangen hält) dem Leben zurückgeben. Weitere Auskünfte: Spiritual Eldering Institute, 970 Aurora Avenue, Boulder C0. 80302. Tel.: (303) 449-SAGE(7243), email: info@spiritualeldering.org oder: caroladvr@compuserve.com Carola de Vries Psychologin, Psychotherapeutin, Lehrerin am Spiritual Eldering Institute in Boulder (USA), Gründerin und Koordinatorin der Jewish-Renewal-Aktivitäten in den Niederlanden, veranstaltet Workshops zu jüdischer Spiritualität und Meditation Erik H. Erikson, The Life Cycle Completed,
W. W. Norton Company New York 1994 Zalman Schachter-Shalomi and Ronald Miller, From Aging to Saging, Warner Books, New York 1995. "From Aging to Saging" and "Spiritual Eldering" sind eingetragene Handelsmarken und dürfen nur mit schriftlicher Erlaubnis des Spiritual Eldering Institute gebraucht werden. |
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