Journal 3 in 2003
Im Gespräch mit den Anderen - Sarah-Hagar

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Rabeya Müller und Miyesser Ildem
Macht und Traditionen

Macht- und Traditionsstrukturen gehen Hand in Hand und es scheint so, als sei das Eine ohne das Andere nicht denkbar:

- beide versuchen mit Hilfe des Gewöhnungseffektes im Leben der Menschen einen festen Platz einzunehmen
- beide dulden keinen Zweifel
- beide üben Druck, Magie, Faszination aus, beide fesseln (sei es im negativem oder im positiven Sinne)
Macht braucht Traditionen, um sich zu erhalten oder zu expandieren.
Traditionen haben enorme Macht über Menschen.
Beiden zu widersprechen oder gar zu widerstehen, erfordert viel Energie und viel Mut. Die Auflehnung gegen beide hat ihren Preis.
Beide sind ein Stück Gewohnheit, Bekanntes und symbolisieren damit auch Geborgenheit, es fällt dem Gewohnheitsmenschen schwer das Althergebrachte aufzugeben.

Der Mensch weiß, dass er sowohl vom einen als auch vom anderen beeinflusst wird, weiß aber auch, dass er damit beeinflussen kann. Das ist die Faszination und deshalb streben die meisten Menschen diese Position an anstatt sie abschaffen zu wollen.

I. Wie wirken sich Macht und Traditionen auf die Versuche von Frauen aus, auch Macht zu gewinnen und neue Positionen zu erobern?

Die Tradition sagt:
Frauen sollten die Schrift nicht auslegen, sie sind sowieso von geringerem Verstand und wenn sie menstruieren, können sie durch den Blutverlust nicht genügend denken. Sie sollen den Qur’an nicht anfassen während dieser Zeit, denn dann sind sie unrein – so sagt es auch Gott.
Der Qur’an sagt:
Sprich: "Ich mahne euch nur an eines: daß ihr euch ernsthaft mit Allahs Sache - zu zweit oder einzeln - befaßt und dann nachdenken sollt...." [34:46]
Keiner kann sie (die wohlverwahrte Urschrift) berühren, außer den sich Reinigenden. [56:79]
Wenn die sich Reinigenden nach traditioneller Auffassung die Frauen sein sollen – wo bleibt die Logik?

Die Tradition sagt:
Frauen sind zu emotional, deshalb hat Gott ihnen die Fähigkeit gegeben, Kinder zu bekommen, sie ist deshalb auch schwach – Männer sind das starke Geschlecht und deshalb vertreten sie die Familie in der Gesellschaft.
Der Qur’an sagt:
Und Wir schufen darauf (auf der Erde) Mittel zu eurem Unterhalt und dem derer, die ihr nicht versorgt. [15:20]
Und helft einander in Rechtschaffenheit und Frömmigkeit; ...Und fürchtet Allah; denn Allah ist streng im Strafen. [5:2]
Und die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Beschützer: Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und entrichten die Zakah und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Allah Sich erbarmen wird. Wahrlich, Allah ist Erhaben, Allweise. [9:71]

Die Tradition sagt:
Schon der Prophet hat gesagt, dass Gott ein Volk verflucht, dass von einer Frau regiert wird.
Der Qur’an sagt:
Diejenigen aber, die handeln, wie es recht ist - sei es Mann oder Frau - ...werden ins Paradies eingehen und nicht im geringsten Unrecht erleiden. [4:124]
Dort fand ich eine Frau, die über sie herrscht, und ihr ist alles beschert worden, und sie besitzt einen großartigen Thron. [27:23]

(Anm.: mit dieser Frau ist die Königin von Saba gemeint, die auch Herrscherin blieb).

Viele muslimische Männer haben sich auf dem hierarchischen Top–Posten eingerichtet und sind, wie die meisten Männer, auch anderer Religionsgemeinschaften und Ideologien, nicht bereit diese zu teilen oder gar zu räumen, selbst wenn Frauen die kompetenteren für eine eventuell vakante Position wären. Sie haben ihr eigenes Textverständnis und ihren eigenen Blick auf den Qur’an entwickelt, der von einem gewissen Instinkt für ultimative oder gar unheilschwangere Folgen hinsichtlich der eigenen Führungsrolle, getragen wird.

Oft ist dieser Blick patriarchal einseitig, denn wie wäre es sonst möglich, dass sie genau den Standpunkt einnehmen, den der Qur’an wie folgt charakterisiert:

Und wenn ihnen gesagt wird: "Folgt dem, was Allah herabgesandt hat", so sagen sie: "Wir folgen dem, bei dem wir unsere Väter vorgefunden haben", auch, wenn ihre Väter nichts begriffen hätten und nicht rechtgeleitet gewesen wären? [2:170]
Einen solchen Qur’an-Vers beziehen sie meist nur auf Menschen, die den Qur’an ablehnen, das allerdings bleibt eine Frage der Interpretation.
Und wenn ihnen gesagt wird: "Kommt her zu dem, was von Allah herabgesandt wurde, und kommt zu dem Gesandten", sagen sie: "Uns genügt das, wobei wir unsere Väter vorfanden." Und selbst (dann,) wenn ihre Väter kein Wissen hatten und nicht auf dem rechten Wege waren! [5:104]
Auch das wird Männer, deren Absicht klar im Machterhalt liegt, nicht überzeugen, denn wenn Sie als Frau mit dem Beispiel des Propheten kommen, der sein Leben oftmals nicht in der heute gängigen patriarchalen Tradition gelebt hat, sagen sie abwehrend: „Ja, das war halt der Prophet.“
Und die Möglichkeit, Traditionen, die augenscheinlich nicht mit dem Qur’an vereinbar sind, in Frage zu stellen, ergibt sich nicht, denn so „zurecht gebogen“, stimmen diese für sie ja durchaus mit dem Qur’an überein. Oder um es mit dem Qur’an zu sagen, sie werden sagen:
Sie sagten: "Seid ihr zu uns gekommen, um uns von dem abzulenken, was wir bei unseren Vätern vorfanden, und wollt ihr die Oberhand im Lande haben? Wir aber wollen euch nicht glauben." [10:78]

So einfach ist das!

Denn:
Sie sagen: "Wir fanden unsere Väter auf einem Weg und wir lassen uns von ihren Fußstapfen leiten." [43:22]
Im Grunde liegt der Qur’an selbst eigentlich stark im Gender Mainstreaming, wenn wir darunter nicht einfach Gleichheit, sondern Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern verstehen. Betrachten wir hierzu einmal den Schöpfungsbericht des Qur’ans:

Die männlichen Lesart verkündet:
Oh ihr Menschen, fürchtet euren Herren, der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat, aus diesem erschuf er ihm die Gattin und aus beiden ließ er viele Männer und Frauen sich vermehren. Qur’an, Sure 4,1

Der Begriff „nafsun wahidatun“, ein grammatikalisch weibliches Konstrukt, bedeutet jedoch „jene Ursubstanz“, aus der die Gottheit den Menschen (nicht den Mann) schuf. Und der Begriff „zaug“ kann sowohl für den Begriff Partner als auch Partnerin stehen.

Eine geschlechterneutrale Lesart ergibt somit folgende Bedeutung:

Oh ihr Menschen, habt Ehrfurcht vor der (Schöpferkraft der) Gottheit, die euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat und aus diesem (einzigen Wesen) erschuf die Gottheit Partner und die Partnerin, und aus diesen beiden ließ sie viele Männer und Frauen hervorgehen.

Es ist eindeutig, daß die erste – grammatikalisch nicht korrekte - Übersetzung die nachrangige Erschaffung der Frau impliziert, die noch durch die im Qur’an nicht auffindbare Story von der Erschaffung der Frau aus einer „Rippe des Mannes“ theologisch spekulativ unterstützt wird.

Eine eindeutige Rollenverteilung, wie sie traditionelle Kreise gern festschreiben würden und die natürlich sehr zu eindeutigen Machtverhältnissen führt, ist ebenfalls nicht aus dem Qur’an herauszulesen:

Wahrlich, die muslimischen Männer und die muslimischen Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die gehorsamen Männer und die gehorsamen Frauen, die wahrhaftigen Männer und die wahrhaftigen Frauen, die geduldigen Männer und die geduldigen Frauen, die demütigen Männer und die demütigen Frauen, die Männer, die Almosen geben, und die Frauen, die Almosen geben, die Männer, die fasten, und die Frauen, die fasten, die Männer, die ihre Keuschheit wahren, und die Frauen, die ihre Keuschheit wahren, die Männer, die Allahs häufig gedenken, und die Frauen, die (Allahs häufig) gedenken - Allah hat ihnen (allen) Vergebung und großen Lohn bereitet. [33:35]

In dekonstruktivistischer Sicht im Hinblick auf die Geschlechterrollen wird zwischen körperlichem Geschlecht (sex) und gesellschaftlicher Geschlechterrolle (gender) unterschieden und damit die einfache Rede vom Geschlecht differenziert. Weder der Körper (sex), noch das soziale Geschlecht muss einem männlichen oder weiblichen Muster folgen.

Insbesondere die Dualität der Geschlechter, ihre Differenz und die Hierarchie im Geschlechterverhältnis werden beschrieben und für damalige Verhältnisse korrigiert.

Im Grunde kämpfen Männer um eine Position, die es eigentlich nicht geben sollte, denn die Macht steht allein der Schöpferkraft zu:

Und Gottes ist das Reich der Himmel und der Erde, und Gott hat Macht über alle Dinge. [3:189]
Wahrlich, Gott hat zu allem die Macht. [2:109]

...und wenn wir Menschen sie schon geschaffen haben, diese Machtpositionen, dann sollten wir sie gerecht teilen.

Nicht einmal die von Gott gesandten Menschen maßten sich Macht in diesem Sinne an:
Sprich: "Ich habe nicht die Macht, mir selbst zu nützen oder zu schaden, es sei denn, Allah will es. Und hätte ich Kenntnis von dem Verborgenen, wahrlich, ich hätte mir die Fülle des Guten zu sichern vermocht, und Übles hätte mich nicht berührt. Ich bin ja nur ein Warner und ein Bringer froher Botschaft für die Leute, die gläubig sind." [7:188]

Wie in der Gesellschaft allgemein, ergibt sich auch in der islamischen Religionsgemeinschaft eine schmerzliche Diskrepanz zwischen grundlegender Schrift und Realität.

Kennen Sie das auch, wenn Männer sagen: „Was wollt ihr denn, im Grundgesetz, im Qur’an oder wo auch immer – euch sind doch schon alle Rechte gegeben?“

Stellen Sie sich vor, es sind Wahlen und jede Frau geht hin, nimmt das von Frauen erkämpfte Wahlrecht wahr und damit den Anspruch auf die ganze Demokratie.

Stellen Sie sich vor, in der Moschee ist Gottesdienst und jede Frau geht hin, sie nimmt ihr, von den Frauen erkämpftes und gottgewolltes Mitspracherecht wahr und damit die ganze Religion.

Frauen haben weder von einer strukturkonservativen Politik, noch einem solchen Religionsverständnis Zukunftsweisendes zu erwarten, denn beiden Hierarchiepotentialen geht es um das Erhalten, wie das Wort conservare ja ausdrückt, aber eben um das Erhalten von Machtstrukturen.

Nur ein weiteres Beispiel, dass, obwohl es gar keine Ordination im Islam für die Leitung eines Gottesdienstes gibt, wir trotzdem „augenscheinlich“ ein Ordinationsverbot für Frauen haben, denn sie werden kaum eine Moschee finden, in der Frauen regulär einen Gottesdienst für Männer und Frauen leiten, lediglich Gottesdienste von Frauen mit ausschließlich Frauen gibt es in einigen Ländern, längst auch nicht in allen islamischen Gesellschaften, denn vielfach lautet das angebliche Hadith: “Die Stimme der Frau ist Haram (also verboten)“, oder hieß es doch: Das Weib schweige in der Gemeinde?

Die Suche nach dem Inkommensurablen meint nach Kant nicht Gott, sondern die Freiheit, einen unbestimmbaren Begriff. Für MuslimInnen ist aber das Unbestimmbare Gott und frau muss ihn in seiner Unbestimmbarkeit belassen, denn in einem Augenblick, wo sich jemand an die Stelle des Nicht-Darstellbaren setzt und sagt, dass er dieses oder jenes von uns verlangt, wird das sehr gefährlich... Aber dass die Aufgabe bestimmt wird von der Unmöglichkeit, auf den Appell des Großen Anderen eine abschließende Antwort zu finden, ist evident. Das ist keine metaphysische, sondern eine ontologische, vielleicht auch ethische Dimension.

Ansonsten ist es schwer zu erklären, was Menschen alles tun: nichts zwingt uns dazu, den Stand der Erkenntnis zu erweitern oder das Experiment des Denkens fortzusetzen, wenn es nicht einen Appell gäbe, der uns übersteigt.

Für uns Musliminnen ist der Qur’an relevant, der da sagt:

Und Er läßt (Seinen) Zorn auf jene herab, die ihre Vernunft (dazu) nicht gebrauchen wollen. [10:100]

Und der die Aufgaben eigentlich gleichmäßig und gerecht definiert:

Und die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Beschützer: Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und entrichten die Zakah und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Allah Sich erbarmen wird. Wahrlich, Allah ist Erhaben, Allweise. [9:71]

Religion bietet die Möglichkeit einer Identitätsbildung und eine Identität bietet die Grundlage für ein gesundes Selbstbewusstsein. Ein Selbstbewusstsein, das augenscheinlich beide Seiten pflegen, denn wie sonst würden die einen das Ihre nur mit Unterdrückungsmechanismen aufrecht erhalten können und warum können die anderen, trotz der vielen göttlichen Worte dieselben nicht entlarven und bekämpfen.

(Dies ist unsere) Identität von Allah, und wer hat eine schönere Identitätsgebung als Allah! Und Ihm dienen wir. [2:138]

So richte dein Antlitz in aufrichtiger Weise auf den Glauben; (dies entspricht) der natürlichen Veranlagung, mit der Allah die Menschen geschaffen hat. Es gibt keine Veränderung an Allahs Schöpfung. Das ist der beständige Glaube. Allein die meisten Menschen wissen es nicht. [30:30]

II.- Wie gehen wir Frauen mit unseren und den Traditionen der Anderen um

Hier ergeben sich für muslimische Frauen beträchtliche Schwierigkeiten, denn sie werden von NichtmuslimInnen nicht in ihrem eigenen Selbstverständnis wahrgenommen, sondern in sie wird ein Selbstverständnis hineininterpretiert, dass dem der Männer entspricht.

Auch hier werden die vorbezeichneten Strukturen sichtbar – Feministinnen, die nur ihr eigens Verständnis von Feminismus gelten lassen, anstatt muslimische Frauen erst einmal so zu nehmen, wie sie sind und in ihrer Persönlichkeit ernst zu nehmen, bedienen sich genau der gleichen Abgrenzungsmechanismen wie das Patriarchat.

Muslimische Frauen begehen oft den Fehler, Feminismus und damit konnotiert den Begriff „feministische Theologie“ in einer Weise zu definieren, wie das Patriarchat ihrer Religionsgemeinschaft ihnen das vorgibt, anstatt zu erkennen, dass es Gemeinsamkeiten zu entdecken gilt und die Fronten auch anders verlaufen denn durch die Religionsgemeinschaften.

III.- Frage nach neuen, religionsübergreifenden Traditionen

Es gäbe viele Möglichkeiten neue Traditionen gemeinsam zu entdecken, eine davon bzw. die Voraussetzung dazu wäre, erst einmal sich von patriarchalen theologischen Lesarten zu lösen und die Kraft der eigene Spiritualität im wiedergewonnen Wort zu erproben.

Eine solche Tradition wäre auch, dass wir aus unserem Text-Selbstverständnis heraus miteinander Dialog führen und uns dieses Verständnis auch gegenseitig abnehmen.

Vielleicht gelingt es uns die Macht der Tradition durch eine traditionelle Macht, die Frauen, auch aufgrund ihrer Schriften haben, zu brechen und darin eine gemeinsame Tradition der Frauen mächtig werden zu lassen. Für uns Musliminnen zählt in dieser Hinsicht das Wort:

Sprich: "... kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch, daß wir nämlich Allah allein dienen und nichts neben Ihn stellen und daß nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen außer Allah." [3:64]

Rabeya Müller und Miyesser Ildem – Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung in Köln

Kontakt:
ZIF-Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung
Postfach 520 362 + 50952 Köln + Tel: 0221-3686467 + Fax: 0221-3686468
Email: ZIFrauenforschung@gmx.net oder info@zif-koeln.de + www.zif-koeln.de

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