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Journal 3 in 2003 |
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Rabeya Müller und Miyesser Ildem Macht- und Traditionsstrukturen gehen Hand in Hand und es scheint so, als sei das Eine ohne das Andere nicht denkbar: - beide versuchen mit Hilfe des Gewöhnungseffektes
im Leben der Menschen einen festen Platz einzunehmen Der Mensch weiß, dass er sowohl vom einen als auch vom anderen beeinflusst wird, weiß aber auch, dass er damit beeinflussen kann. Das ist die Faszination und deshalb streben die meisten Menschen diese Position an anstatt sie abschaffen zu wollen. I. Wie wirken sich Macht und Traditionen auf die Versuche von Frauen aus, auch Macht zu gewinnen und neue Positionen zu erobern? Die Tradition sagt: Die Tradition sagt: Die Tradition sagt: (Anm.: mit dieser Frau ist die Königin von Saba gemeint, die auch Herrscherin blieb). Viele muslimische Männer haben sich auf dem hierarchischen TopPosten eingerichtet und sind, wie die meisten Männer, auch anderer Religionsgemeinschaften und Ideologien, nicht bereit diese zu teilen oder gar zu räumen, selbst wenn Frauen die kompetenteren für eine eventuell vakante Position wären. Sie haben ihr eigenes Textverständnis und ihren eigenen Blick auf den Quran entwickelt, der von einem gewissen Instinkt für ultimative oder gar unheilschwangere Folgen hinsichtlich der eigenen Führungsrolle, getragen wird. Oft ist dieser Blick patriarchal einseitig, denn wie wäre es sonst möglich, dass sie genau den Standpunkt einnehmen, den der Quran wie folgt charakterisiert: Und wenn ihnen gesagt wird: "Folgt dem, was Allah
herabgesandt hat", so sagen sie: "Wir folgen dem, bei dem wir
unsere Väter vorgefunden haben", auch, wenn ihre Väter
nichts begriffen hätten und nicht rechtgeleitet gewesen wären?
[2:170] So einfach ist das! Denn: Die männlichen Lesart verkündet: Der Begriff nafsun wahidatun, ein grammatikalisch weibliches Konstrukt, bedeutet jedoch jene Ursubstanz, aus der die Gottheit den Menschen (nicht den Mann) schuf. Und der Begriff zaug kann sowohl für den Begriff Partner als auch Partnerin stehen. Eine geschlechterneutrale Lesart ergibt somit folgende Bedeutung: Oh ihr Menschen, habt Ehrfurcht vor der (Schöpferkraft der) Gottheit, die euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat und aus diesem (einzigen Wesen) erschuf die Gottheit Partner und die Partnerin, und aus diesen beiden ließ sie viele Männer und Frauen hervorgehen. Es ist eindeutig, daß die erste grammatikalisch nicht korrekte - Übersetzung die nachrangige Erschaffung der Frau impliziert, die noch durch die im Quran nicht auffindbare Story von der Erschaffung der Frau aus einer Rippe des Mannes theologisch spekulativ unterstützt wird. Eine eindeutige Rollenverteilung, wie sie traditionelle Kreise gern festschreiben würden und die natürlich sehr zu eindeutigen Machtverhältnissen führt, ist ebenfalls nicht aus dem Quran herauszulesen: Wahrlich, die muslimischen Männer und die muslimischen Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die gehorsamen Männer und die gehorsamen Frauen, die wahrhaftigen Männer und die wahrhaftigen Frauen, die geduldigen Männer und die geduldigen Frauen, die demütigen Männer und die demütigen Frauen, die Männer, die Almosen geben, und die Frauen, die Almosen geben, die Männer, die fasten, und die Frauen, die fasten, die Männer, die ihre Keuschheit wahren, und die Frauen, die ihre Keuschheit wahren, die Männer, die Allahs häufig gedenken, und die Frauen, die (Allahs häufig) gedenken - Allah hat ihnen (allen) Vergebung und großen Lohn bereitet. [33:35] In dekonstruktivistischer Sicht im Hinblick auf die Geschlechterrollen wird zwischen körperlichem Geschlecht (sex) und gesellschaftlicher Geschlechterrolle (gender) unterschieden und damit die einfache Rede vom Geschlecht differenziert. Weder der Körper (sex), noch das soziale Geschlecht muss einem männlichen oder weiblichen Muster folgen. Insbesondere die Dualität der Geschlechter, ihre Differenz und die Hierarchie im Geschlechterverhältnis werden beschrieben und für damalige Verhältnisse korrigiert. Im Grunde kämpfen Männer um eine Position, die es eigentlich nicht geben sollte, denn die Macht steht allein der Schöpferkraft zu: Und Gottes ist das Reich der Himmel und der Erde,
und Gott hat Macht über alle Dinge. [3:189] ...und wenn wir Menschen sie schon geschaffen haben, diese Machtpositionen, dann sollten wir sie gerecht teilen. Nicht einmal die von Gott gesandten Menschen maßten
sich Macht in diesem Sinne an: Wie in der Gesellschaft allgemein, ergibt sich auch in der islamischen Religionsgemeinschaft eine schmerzliche Diskrepanz zwischen grundlegender Schrift und Realität. Kennen Sie das auch, wenn Männer sagen: Was wollt ihr denn, im Grundgesetz, im Quran oder wo auch immer euch sind doch schon alle Rechte gegeben? Stellen Sie sich vor, es sind Wahlen und jede Frau geht hin, nimmt das von Frauen erkämpfte Wahlrecht wahr und damit den Anspruch auf die ganze Demokratie. Stellen Sie sich vor, in der Moschee ist Gottesdienst und jede Frau geht hin, sie nimmt ihr, von den Frauen erkämpftes und gottgewolltes Mitspracherecht wahr und damit die ganze Religion. Frauen haben weder von einer strukturkonservativen Politik, noch einem solchen Religionsverständnis Zukunftsweisendes zu erwarten, denn beiden Hierarchiepotentialen geht es um das Erhalten, wie das Wort conservare ja ausdrückt, aber eben um das Erhalten von Machtstrukturen. Nur ein weiteres Beispiel, dass, obwohl es gar keine Ordination im Islam für die Leitung eines Gottesdienstes gibt, wir trotzdem augenscheinlich ein Ordinationsverbot für Frauen haben, denn sie werden kaum eine Moschee finden, in der Frauen regulär einen Gottesdienst für Männer und Frauen leiten, lediglich Gottesdienste von Frauen mit ausschließlich Frauen gibt es in einigen Ländern, längst auch nicht in allen islamischen Gesellschaften, denn vielfach lautet das angebliche Hadith: Die Stimme der Frau ist Haram (also verboten), oder hieß es doch: Das Weib schweige in der Gemeinde? Die Suche nach dem Inkommensurablen meint nach Kant nicht Gott, sondern die Freiheit, einen unbestimmbaren Begriff. Für MuslimInnen ist aber das Unbestimmbare Gott und frau muss ihn in seiner Unbestimmbarkeit belassen, denn in einem Augenblick, wo sich jemand an die Stelle des Nicht-Darstellbaren setzt und sagt, dass er dieses oder jenes von uns verlangt, wird das sehr gefährlich... Aber dass die Aufgabe bestimmt wird von der Unmöglichkeit, auf den Appell des Großen Anderen eine abschließende Antwort zu finden, ist evident. Das ist keine metaphysische, sondern eine ontologische, vielleicht auch ethische Dimension. Ansonsten ist es schwer zu erklären, was Menschen alles tun: nichts zwingt uns dazu, den Stand der Erkenntnis zu erweitern oder das Experiment des Denkens fortzusetzen, wenn es nicht einen Appell gäbe, der uns übersteigt. Für uns Musliminnen ist der Quran relevant, der da sagt: Und Er läßt (Seinen) Zorn auf jene herab, die ihre Vernunft (dazu) nicht gebrauchen wollen. [10:100] Und der die Aufgaben eigentlich gleichmäßig und gerecht definiert: Und die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Beschützer: Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und entrichten die Zakah und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Allah Sich erbarmen wird. Wahrlich, Allah ist Erhaben, Allweise. [9:71] Religion bietet die Möglichkeit einer Identitätsbildung und eine Identität bietet die Grundlage für ein gesundes Selbstbewusstsein. Ein Selbstbewusstsein, das augenscheinlich beide Seiten pflegen, denn wie sonst würden die einen das Ihre nur mit Unterdrückungsmechanismen aufrecht erhalten können und warum können die anderen, trotz der vielen göttlichen Worte dieselben nicht entlarven und bekämpfen. (Dies ist unsere) Identität von Allah, und wer hat eine schönere Identitätsgebung als Allah! Und Ihm dienen wir. [2:138] So richte dein Antlitz in aufrichtiger Weise auf den Glauben; (dies entspricht) der natürlichen Veranlagung, mit der Allah die Menschen geschaffen hat. Es gibt keine Veränderung an Allahs Schöpfung. Das ist der beständige Glaube. Allein die meisten Menschen wissen es nicht. [30:30] II.- Wie gehen wir Frauen mit unseren und den Traditionen der Anderen um Hier ergeben sich für muslimische Frauen beträchtliche Schwierigkeiten, denn sie werden von NichtmuslimInnen nicht in ihrem eigenen Selbstverständnis wahrgenommen, sondern in sie wird ein Selbstverständnis hineininterpretiert, dass dem der Männer entspricht. Auch hier werden die vorbezeichneten Strukturen sichtbar Feministinnen, die nur ihr eigens Verständnis von Feminismus gelten lassen, anstatt muslimische Frauen erst einmal so zu nehmen, wie sie sind und in ihrer Persönlichkeit ernst zu nehmen, bedienen sich genau der gleichen Abgrenzungsmechanismen wie das Patriarchat. Muslimische Frauen begehen oft den Fehler, Feminismus und damit konnotiert den Begriff feministische Theologie in einer Weise zu definieren, wie das Patriarchat ihrer Religionsgemeinschaft ihnen das vorgibt, anstatt zu erkennen, dass es Gemeinsamkeiten zu entdecken gilt und die Fronten auch anders verlaufen denn durch die Religionsgemeinschaften. III.- Frage nach neuen, religionsübergreifenden Traditionen Es gäbe viele Möglichkeiten neue Traditionen gemeinsam zu entdecken, eine davon bzw. die Voraussetzung dazu wäre, erst einmal sich von patriarchalen theologischen Lesarten zu lösen und die Kraft der eigene Spiritualität im wiedergewonnen Wort zu erproben. Eine solche Tradition wäre auch, dass wir aus unserem Text-Selbstverständnis heraus miteinander Dialog führen und uns dieses Verständnis auch gegenseitig abnehmen. Vielleicht gelingt es uns die Macht der Tradition durch eine traditionelle Macht, die Frauen, auch aufgrund ihrer Schriften haben, zu brechen und darin eine gemeinsame Tradition der Frauen mächtig werden zu lassen. Für uns Musliminnen zählt in dieser Hinsicht das Wort: Sprich: "... kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch, daß wir nämlich Allah allein dienen und nichts neben Ihn stellen und daß nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen außer Allah." [3:64] Rabeya Müller und Miyesser Ildem Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung in Köln Kontakt: |
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