Journal 3 in 2003
Macht und Verantwortung

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Charlotte Knobloch
Macht ist die Phantasie der Anderen

Erfahrungen mit Macht in jüdischen Institutionen: „Wie schaffe ich es, nicht von der Ohnmacht überwältigt zu werden?“ (Auszüge aus der Eröffnungsrede)

(...) Sie haben mich als langjährige Präsidentin der Jüdischen Kultusgemeinde in München und als Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland gebeten, zu einem ganz besonderen Aspekt dieses Themas zu sprechen: „Erfahrungen mit Macht in jüdischen Insiutionen“. Damit haben Sie mich vor nicht gringe Probleme gestellt. Als ich diese Einführung vorbereitete, habe ich mich gefragt, wie ich dieses Thema eigentlich getalten soll.

Ich könnte es mir einfach machen und einige Plottkes zum Besten geben, doch ich fürchte, mit Anekdoten wird uns allen nicht geholfen sein, denn sie bringen vielleicht die Konflikte zum Ausdruck, sehr oft auch den damit einhergehenden Leidensdruck, doch sie bringen uns keinen Schritt näher an ein Verständnis, geschweige denn eine konstruktive Lösung. Etwas anderes wäre es, wenn ich im Thema „Macht und Verantwortung“ einen Wink mit dem Zaunphal erkennen würde, an dessen Ende vielleicht einmal eine Betriebsprüfung steht. Auch eine Doktorarbeit oder besser noch eine Habilitationsschrift könnte in Auftrag gegeben werden, um sich diesem Thema anzunähern. Der Titel müßte dafür natürlich ein wenig abgewandelt werden. Und beispielsweise lauten: „Innergemeindliche Konfliktstrukturen und deren Abwehr“ respektive „Verantwortungsvolle Strategien zum Umgang und zur Bewätligung von Macht in jüdischen Gemeinden“ oder ganz einfach: „Wie schaffe ich es, nicht von der Ohn-Macht überwältigt zu werden?“

Denn hier sind wir beim springenden Punkt angelangt. Wer nach Macht und Verantwortung fragt, darf sich nicht wundern, wenn er mehr als nur eine akademisch abgeklärte Antwort erhält, oder nach einem bescheidenen intellektuellen Höhenflug geradewegs auf dem Boden der Tatsachen landet und sich in Nullkommanichts mitten in einem Alltgsthriller befindet.

Wer wollte denn auch leugnen, dass sich der Konflikt zwischen Macht und Verantwortung wie ein roter Faden durch die moderne, ebenso wie die antike Geschichte zieht? Und natürlich zieht er sich auch durch unsere eigene Lebensgeschichte.

Jeder Repräsentant, jeder gewählte Vertreter, jede gewählte Vertreter in einer Gemeinde hat die schwere Aufgabe, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen und persönliche Machtwünsche und Machtinteressen zurückzustellen.

Doch Macht?

Die Macht, die uns zugeschrieben wird, ist zum großen Teil eine Phantasie der Anderen.

Ich selbst erlebe mich keineswegs als mächtig, sondern bin in meinen Entscheidungen oft noch nicht einmal eigenverantwortlich tätig. Ich bin eingebunden in Strukturen, in Satzungen, in Geschäftsordnungen und Gemeindeverträge. Von Macht, gar von Eigenmächtigkeit kann da gar keine Rede sein. Eher noch von Ohn-Macht!

Von außen stellt sich das allerdings etwas anders dar. Wir sind uns bewusst, dass es ein Privileg ist, für andere Menschen zu wirken und in der Repräsentanz zu arbeiten. Wir sind uns bewusst, dass viele uns deswegen ein wenig beneiden. Und doch herrscht eine beunruhigende Unklarheit darüber, was eigentlich hinter den verschlossenen Türen der Gemeindevorstände und Gremien geschieht. Oder welchen Machtgefällten eigentlich der Zentralrat folgt.

Unter dem Begriff „Macht“ wird hier das Zusammenwirken von überaus komplizierten Gruppenprozessen verstanden, das jeden einzelnen der Beteiligten zu vorsichtigem Handeln, zum Abwägen der Worte verführt und die Betreffende keineswegs mit persönlicher Macht ausstattet.

Doch mit der „Macht“ ist es so eine Sache. Sie hat eine andere dunkle Seite. Sie übt einen Sog aus. Und das bedeutet, sie zeigt sich leider eher im negativen, als im positiven Bereich. Beispielsweise erleben wir es tagtäglich – und viele der hier Anwesenden werden dieses Phänomen aus eigener Erfahrung kennen, dass es einfacher ist, etwas zu blockieren, als etwas aufzubauen! Und wenn Sie so wollen, bilden sich hier durchaus „macht“-volle, aber eben leider sehr abträgliche Prozesse ab. Es ist eben leichter etwas zu zerstören oder zu verhindern, als etwa aufzubauen und neu zu beginnen.

Wir, die wir in Entscheidungsgremien arbeiten, stehen uns dabei oft selbst im Wege. Aus der Unfähigkeit heraus – ich erinnere nur an demokratische Abstimmungs- und Merhheitsverhältnisse -, aus dieser Schwierigkeit heraus, etwas Neues auf den Weg zu bringen, müssen wir uns leider oft mit der zweitbesten Lösung zufrieden geben. Damit verhindern wir oder schließen Kompromisse, über die niemand mehr glücklich ist, wir verabschieden uns von den wirklich überzeugenden Lösungen und nehmen mit den eher mittelmäßigen vorlieb, denn letztere haben den großen Vorteil, dass sie ohne Auseinandersetzung, mit andern Worten, ohne unüberbrückbare Differenzen und Auseinandersetzungen – oder um in Ihrer Terminologie zu bleiben: der Vorteil liegt dann darin, dass sie ohne Machtkämpfe - realisiert werden können.

Freilich sind wir uns darüber im Klaren, dass wir als Repräsentanten eine andere mit Einfluss verbundene Funktion haben, und mit dieser Funktion sind bestimmte Erwartungen verknüpft, die im Begriff „Macht“ sehr anschaulich abgebildet sind.

In diesem Sinne ist „Macht“ auch eine Metapher für etwas anderes. Zum Beispiel für die Erwartungen Anderer an uns. Und hier erfahren wir, dass wir zwischen Ideal und Wirklichkeit eingeklemmt sind, und uns oft gar keine Luft mehr zum Atmen bleibt. Wir wirken für die Gemeinde. Aber das hat mehr mit Verantwortung als mit persönlicher Macht zu tun.

Und wenn wir zuweilen auch Weichen stellen, so hat das eher mit dem glücklichen Zusammentreffen bestimmter Konstellationen zu tun, auf die wir kaum einen Einfluss nehmen können, und es hat viel weniger zu tun mit persönlichen Machtworten oder Entscheidungen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie erstaunt wären, wie wenig macht-besessen unser Alltag ist...

Sicher ist, zu unseren Aufgaben gehört es, uns Ziele zu setzen und diese zu verfolgen. Doch wir sind an die Regeln der Transparenz gebunden, und allein dadurch kann Macht eigentlich nicht entstehen.

Denn bevor irgend jemand sich ein „Machtwort“ ausdenken kann, steht schon der Reporter der Lokalzeitung im Vorzimmer und will alles bis ins kleinste Detail in der Öffentlichkeit ausbreiten. Denn anders als Menschen außerhalb von Organisationen und Institutionen, die „Herr“ oder „Frau“ ihrer eigenen Handlungen sind, unterstehen wir der massiven Kontrolle nicht nur der Gremien und Rechnungshöfe, sondern vor allem der Kontrolle der Öffentlichkeit. Wir können nämlich gerade nicht schalten und walten, wie es uns beliebt. Anders als Hinz und Kunz, anders als Meir oder Kohn, wird jeder unserer Schritte mit Argusaugen beobachtet und kontrolliert.

An Stelle dieser vermeintlichen „Macht“ haben wir es viel mehr damit zu tun, unseren Pflichten nachzukommen und die Folgen unserer Handlungen, auch wenn wir sie nicht angesteuert haben, die Verantwortung zu übernehmen.

Und jetzt kommt die Verantwortung ins Spiel.

Denn dessen ungeachtet setzen wir uns auch weiterhin Ziele und bemühen uns diesen näher zu kommen. Wir lassen uns nicht davon abbringen, nur weil wir ständig mit Störfrequenzen zu kämpfen haben. Wir haben erfahren, dass nicht das einmalige Durchqueren der Ziellinie das Salz in der Suppe unserers Dienstalltags ist. Was für unserer Arbeit viel entscheidender ist, bleibt das beharrliche Tag um Tag, Stunde um Stunde fortgesetzte Bemühen. Eine Kärrnerarbeit, dieses Bemühen unsrer Verantwortung gerecht zu werden - obwohl es so viel leichter wäre, sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen.

Und gleichzeitig belasten uns die Warnungen vor den Gefahren und Abgründen der Macht und ihres Missbrauchs. Sie sehen, wir machen es uns nicht so leicht mit unseren Aufgaben, wie es Außenstehenden vielleicht scheinen will, die nur die Hochglanzseite der Empfänge und Galadiners sehen. Das tagtägliche Ringen um Akzeptanz, die man ebenso rasch wie die vermeintliche Macht, sehr rasch wieder verlieren kann, dieses tagtägliche Ringen ist mühsam – und unspektakulär.

Keine Lorbeeren sind zu gewinnen, wenn wir endlich einmal die Zielgerade erreichen. Politische Arbeit bringt wenig Meriten, und es ist eher selten, dass wir uns einmal auf einem Siegerpodest einfinden. Die Lebenserfahrung lehrt uns etwas Anderes:

Der Weg ist das Ziel.
Und das bedeutet auch: Das Wissen um die Gefahren der Macht ist wichtiger als das Schönreden. Das Ringen darum, verantwortungsvoll mit Macht umzugehen, ist wichiger als zu behaupten, alles sei bereits zum Besten.

Daher ist das Nachdenken über die Ethik des Handels ebenso wichtig wie das Handeln selbst. Das Vorbild der weisen – in moderner Terminologie würden wir heute sagen – der kompetenten Führungspersönlichkeit besteht ja gerade darin, dass sie den persönlichen Egoismus zurückstellt, und dass der Faktor Altruismus, also die Arbeit für die Gemeinschaft im Vordergrund steht.

Und schon stehen wir vorr einer weiteren Besonderheit. Wenn wir uns die Frage stlelten, warum immer wieder die mit großem Elan begonnenen Karrieren vieler weiblicher Führungskräfte nicht aus ihren Startlöchern herauskommen und am Ende sogar scheitern, erkennen wir: In Fällen, wo Frauen in Machtpositionen scheitern, hat die Balance zwischen gesundem und überlebensnotwendigem Egoismus und ethisch korrektem Altruismus einfach nicht geklappt. Und so entstand ein Ungleichgewicht zwischen Dominanz und Teamarbeit, zwischen Autorität und Abgrenzung auf der einen Seite und dem so wichtigen Teilen und Delegieren von Macht und Verantwotung auf der anderen Seite.

Über eines müssen wir uns im Klaren sein: Der Umgang mit Macht – in all ihren Facetten – bleibt schwierig. Der Umgang mit Macht kann zu einem Eiertanz werden.

Er kann zum zögerlichen und zaghaften Balancieren über einer dünnen Eisfläche geraten.

Der Umgang mit Macht kann zur Selbstverwirklichung führen, aber ebenso – im negativen Fall –zum Selbstverlust. Vom Verlust des Arbeitsplatzes ganz zu schweigen.

In jedem Fall – und hier möchte ich allen Frauen Mut machen, die zu Recht mehr Verantwortung und mehr Einfluss fordern -, gehört es zu den zentralen Bedürfnissen und Herausforderugnen des Lebens, Machtund Verantwortung tragen zu wollen.

Und es lohnt sich, dass viele Frauen sich aktiv darum bemühen, zu Macht-Trägerinnen zu werden (wenngleich viele die es noch nicht sind, falsche Vorstellungen mit sich herumtragen, was diesen Mythos „Macht“ anbelangt) und damit zugleich, dass sie bereit sind, mehr Verantwortung im öffentlichen Leben zu übernehmen. Denn die Aussicht darauf, Macht und Verantwortung zu erhalten, ist ein wichtiges Motiv, das zu Höchstleistungen und vollem persönlichen Einsatz motiviert.

Doch bei allem Ehrgeiz muss uns klar sein: Wir können nicht verhindern, dass wir Fehler machen und dass wir den Grundwiderspruch zwischen Machterhalt und Machtmissbrauch nicht lösen können. Wir müssen damit rechnen, dass Ideal und Wirklichkeit immer wieder auseinander driften, doch all dies sollte uns nicht davon abhalten, unseren Anteil an der Macht in all ihren Bedeutungen zu fordern – mit allen Konsequenzen.

Das Streben nach Einfluss, dieses Self Empowerment, wie es in einem Workshop heißt, die Selbstermächtigung, dieses Streben kann uns persönlcih als Wegweiser dienen. Und für all jene, die bereits in Machtpositionen sind, gilt es sich klar zu machen: Im Blick auf die jüdische Gemienschaft, der wir im besten Sinne des Wortes dienen wollen, und die wir in den Mittelpunkt unserer Arbeit für die Gemeinde und für den Zentralrat stellen, erweist es sich auch, wie viel Verantwortung wir schultern können.

Das A und O dieser komplizierten Wechselbeziehung ist: Macht und Verantwortung gehören zusammen. Macht und Verantwortung sind die beiden Seiten einer Medaille.

Das Verbindende, ihre geheime Kraftquelle ist die jüdische Ethik, die ja eine Ethik des Handelns und der Verantwortung für den Menschen ist.

Die jüdische Ethik lehrt uns, dass Macht ohne Verantwortung auf abschüssiges Terrain gerät und zum Machtmissbrauch geraten kann.

Doch andererseits gilt auch: Verantwortung kann nur mit Autorität verwirklicht werden. Verantwortung kann nur diejenige übernehmen und mittragen, der zuvor Autorität zugestanden worden ist, der andere Menschen, der andere Frauen zuvor Macht übertragen haben. Verantwortung kann nur diejenige ausüben, die sich zuvor selbst ermächtigt hat.

„Macht und Verantwortung“ ist vielmehr als nur ein politischer Prozess. Hier handelt es sich um komplexe Handlungen innerhalb eines sozialen Gefüges, das noch immer nicht so weit ist, damit zu rechnen und darauf zu zählen, dass Frauen sich aufmachen und Teilhabe an dieser Macht begehren. Im Klartext heißt das: Macht übertragen zu bekommen, bedeutet: da gibt es Menschen irgendwo hier, irgendwo da draußen, die dir Vertrauen schenken, Menschen, denen der Politiker, die Politikerin, denen die Repräsentantin vielleicht nie begegnen wird, und die ihr dennoch vertrauen und ihr Macht übertragen, die sie selbst nicht wahrnehmen will.

Und genau diesen Faktor Vertrauen verlieren wir leicht aus den Augen. Wer Macht übertragen bekommt, dem Menschen wird vertraut. Und wer einem anderen Macht überträgt, zeigt, dass sie Selbstbewusstsein hat und souverän ist. Wer Macht wahrnimmt, hat die Chance sich des in sie gesetztenVertrauens würdig zu erweisen. Wer sich selbst ermächtigt, muss sich hingegen diesen Vertrauensvorschuss erst einmal erarbeiten.

Machtträger vergessen gern,dass Macht ein Geschenk auf Zeit ist. Dass die eigentliche Macht woanders liegt. Diese Macht des Volkes ist ja keine Erfindung. Sie ist ein Tatbstand. Diese Macht kann artikuliert weren, etwa durch Protest, Streik – sie kann – indirekt und negativ zum Ausdruckkommen, nämlich durch Schweigen, durch Verweigerung.

Auch dies ist auf Zeit. Es kann eine Ruhe vor dem Sturm sein. Und von einem Augenblick zum nächsten kann der Sturm losbrechen und in Nullkommanichts verändern sich die Machtverhältnisse und die Waagschale bewegt sich wieder in eine andere Richtung.

Lassen Sie micht zum Abschluss noch auf ein Phänomen hinweisen: Uns Politikern und Politikerinnen wird sehr oft Macht unterstellt, die wir in der Tagesarbeit in den politischen Gremien, in unseren Gemeinden und im Zentralrat persönlich gar nicht umsetzen und verwirklichen können. Das Tagesgeschäft ist banal und oft durch mühsames, nicht selten auch ohn-mächtiges Agieren bestimmt. Was von außen wie eine fest zementierte Machtposition aussieht – ist in Wirklichkeit nur ein Grabenkampf darum, die kleinen Dinge des Gemeindealltags zu regeln. Sie sind unspektakulär, und sie bleiben unspektakulär, und sie machen doch den Hauptteil unserer Arbeit aus.

Die Fassade der Macht ist eine andere. Sie macht vielleicht zehn Prozent aus, doch wir werden als Repräsentanten und Repräsentantinnen genau mit diesen zehn Prozent der Machtoberfläche identifizeirt. Sie ist in der Tat spektakulär. Personenschutz, Bodyguards, Auftauchen in der Yellow Press. In einer dieser Postillen wude ich einmal als die „dritt-„ oder war es „die zweitmächtigste Frau des Landes“ bezeichnet. Sie könne sicher sein, 99,9 Prozent meiner Zeit fühle ich mich nicht als die zweimächtigste Frau des Landes und die restlichen Prozentpunkte frage ich mich, wie es wohl wäre, die mächtigste Frau des Landes zu sein...

(...) Gerade wir Frauen schrecken oft davor zurück – nach Macht, nach Einfluss und Autorität zu greifen und die Chance zu ergreifen, wenn sie sich bietet. Wenn wir die aktuelle politische Weltlage betrachten, stellen wir fest, dass in vielen Gesellschaften die Bereiche, in denen Frauen Einfluss nehmen, wieder abnimmt. Die Stimme der Frauen ist in einer Zeit, die vom Kampf gegen den globalen Terrorismus geprägt ist, nicht besonders laut. Es scheint, als seien die Stimmen der Männer lauter und durchsetzungsfähiger.

Dieser Trend hat auch Israel und die jüdischen Gemeinden in der Galut erfasst. Einen erfreulichen Zuwachs an weiblichem Engagement erkennen wir weiterhin vor allem in jenen Tätigkeitsfeldern, in denen Frauen sich schon traditionell zu Wort meldeten, und die also dem traditionellen Profil weiblicher Aktivitäten entsprechen: Erziehung, Kultur, Charity. Andererseits müssen wir uns auch mit dem Phänomen auseinandersetzen, dass wir selbst dazu neigen, die aus der Macht erwachsende Verantwortung nicht konsequent auszuschöpfen. Wir müssen uns damit auseinander setzen, das wir oft kleinmütig und in der Gefahr stehen, uns ängstlich an der Macht festzuklammen, um sie nur nicht miteinander teilen zu müssen. „Sie oder ich“, lautet oft unsere Antwort. Entweder die andere oder ich.

Für diese Art der Macht – es ist die Macht der Machtpolitiker vom Typus Macchiavelli - gilt der Grundsatz: Zur Macht gehört, dass sie verschleiert werden muss. Der Mächtige ist angreifbar und meint, gut daran zu tun, sich nicht als Mächtiger zu erkennen zu geben. Andernfalls wird der Alptraum jedes Machtträgers wahr: endlose Schlangen von Bittstellern und Bittstellerinnen, die sich um jene Menschen scharen, von denen sie sich Macht und Gewinn erhoffen.

In diesem Sinne bedeutet Macht nichts anderes, als damit zu tun zu haben, dass um jeden Menschen, dem Macht erteilt worden ist, sich ein Hofstaat von Menschen schart, die ebenfalls Macht begehren, oder wenistens ein Stück vom Kuchen des Mächtigen erhalten wollen.

Ich kann Ihnenversichern: die jüdischen Gemeinden und ihre Mitarbeiter werden von solchen Bittstellern geradezu überrannt. Die Hilfebegehren sind immens. Sie sind Folge der hohen Erwartungs- der hohen Anspruchshaltung, die sich an Menschen richtet, denen Macht untertellt wird. Von dem vermeintlich Mächtigen wird erwartet, dass er oder sie zu jeder Zeit und unter allen Umständen die Macht hat, dem Bedürftigen zu helfen. Jede, die schon einmal eine Position bekleidet hat, weiß, dass dies nicht nur eine immense Übeforderung darstellt, sondern dass diese Erwartung oft enttäuscht werden muss, weil die Betreffende einfach nicht die Macht hat, die ihr unterstellt wird. Oder aber diese Macht nicht dem erwarteten Sinn einzusetzen bereit ist. Denn wer Macht hat, ist ja vor allem gezwungen, eine Auswahl zu treffen. Sich zu beschränken. Die Aktivitäten zu bündeln.

Wer Macht behalten will, ist gut beraten seine Absichten nicht zu Markte zu tragen, sondern verschwiegen zu sein. Nicht umsonst heißt es, in der Ruhe liegt die Macht. Wer um die Macht fiebert, wird diese Macht, so lautet meine Prognose, schon bald wieder verlieren. Eifernsüchteleien, Intrigen, Neid auf andere Menschen, die andere Kompetenzen haben – kurzum all diese Schattenseiten der Macht gehören zum Alltag in allen Institutionen, also auch den jüdischen. All diese Schattenseiten werden sicherlich Thema Ihrer Konferenz sein, denn wir können nicht darüber schweigen, selbt wenn wir nicht wirklich gerne darüber reden wollen.

Daher richte ich bei dieser Gelegenheit einen Appell an alle Macht-Träger und Macht-Trägerinnen. Auch jene in spé: Werden wir mutiger im Umgng mit der Macht! Ergreifen wir die Chance die Macht zu nutzen, um unser Welt ein klein wenig besser zu machen. Nehmen wir die Verantwortung an. Setzen wir auf die positiven Dinge, die wir bewirken können, und darauf, dass wir Einfluss nehmen können auf die Gestaltung unserer Welt.

Charlotte Knobloch - Vize-Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München

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