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Journal 3 in 2003 |
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Cynthia Kain Als Frau Klapheck mich vor etwa zehn Monaten ansprach, ob ich bereit sei, auf der Tagung zu sprechen, fragte ich zunächst nach dem Thema: Macht und Verantwortung aus jüdischen Frauenperspektiven, lautete die Antwort. Spontan gab ich meine Zustimmung, da dieses Thema mich, auf Grund meines Engagements im Rahmen der Gemeindepolitik, auch unmittelbar betrifft. Der Untertitel, zu dem ich heute eigentlich sprechen soll, heißt: Neue Chancen durch Frauen in verantwortlichen Positionen. Eine Beschränkung nur auf diese Thema erschien mir jedoch nicht möglich, denn eine Aussage oder Bewertung kann nur im Kontext einer Reflexion über das Thema Macht und Verantwortung erfolgen. Mit dem Näherrücken der Tagung und der Notwendigkeit, mich tiefergehend mit dem Thema auseinander zu setzen, musste ich erkennen, dass das Thema mir doh nicht so leicht von der Hand ging. Ich erinnere mich an eine Telefonat mit Frau Klapheck, in dem ich ihr sagte: Elisa, Verantwortung ist nicht das Problem, aber mit dem Wort Macht habe ich meine Probleme. Elisa antwortete tröstend, ich solle mir nichts daraus machen, auch Frau Knobloch habe interessanter Weise die selben Probleme mit dem Begriff Macht. Meiner Entgegnung, dass Macht für mich negativ besetzt sei, hielt sie entgegen: Sieh es doch so: Macht ist auch der Imperativ von machen, also die Aufforderung, etwas zu tun. Unter diesem Aspekt hatte ich bis dahin diesen Begriff noch nicht betrachtet, er stimmt mich zwar freudlicher, dennoch gefällt er mir deshalb immer noch nicht besser. (...) Gestatten Sie mir zunächst, einige allgemeine Definitionen, die ich im Internet zu den Begriffen Macht und Verantwortung gefunden habe. Schon die Tatsache, wie unterschiedlich die Menge an Erklärungen für diese beiden Begriffe ist, bestätigt mich in meiner Auffaung, dass der Begriff der Verantwortung in sich klar und eindeutig definiert ist, die Auseinandersetzung hiermit auch nicht zu Kontroversen führt, die in unterschiedliche Auffassungen mündet. Verantwortung bezeichnet ursprünglich vor allem in der Rechtsprechung das Rechenschaftgeben für ein bestimmtes Handeln oder dessen Folgen. Als soziale Beziehungsstruktur umfasst Verantwortung einen Träger, einen Bezugspunkt und eine Legitimationsinstanz. Verantwortung setzt Mündigkeit voraus, das heißt, die Fähigkeit, das eigene Handeln frei zu bestimmen und dessen Folgen abzusehen. Macht hingegen stellt das Verhältnis der Über- und Unterordnung zwischen Menschen, Personen, Gruppen, Organistionen dar. In den Sozialwissenschaften gilt auch heute noch Max Webers Defintion: Macht ist die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht. Die Verhaltensforschung versucht nachzuweisen, dass die Erringung von Macht über andere Lebewesen als Bedürfnis nach Selbsterhöhung, Selbstbestätigung im sozialen Konflikt auch nach Selbstbehauptung, ein allgemeiner Antrieb in den sozialen Beziehungen sei. Grundlagen von Macht können physische oder psychische Überlegenheit sein, Wissensvorsprung, Informiertheit, überlegene Organisationsfähigkeit und entsprechend höhere Effizienz, Charisma-Glaube und Angst bei den Unterworfenen. Neben den politischen Machtstrukturen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft bestimmen viele Machtstrukturen, z.B. Mann, Eltern, Lehrer, die Behauptung von Machtpositionen, die wesentlich für die Handlungen der Menschen und die zwischenmenschlichen Beziehungen in allen Lebensbereichen sind. Die Macht findet zumindest theoretisch ihre Grenzenin den Norman und Kontrollsytemen der Ethik und des Rechts, die allerdings auch als Instrumente der Machtausübung missbraucht werden können. Ausgehend von diesen allgemeinen Definitionen, bezogen auf meinen Erfahrungs- und Wirkungsbereich kann ich nur feststellen, dass in meinem Entschluss, mich für die Menschen der Berliner Jüdischen Gemeinde zu engagieren, der Wille, Verantwortung zu übernehmen, nicht zwangsläufig mit dem Willen, Macht auszuüben gleichgesetzt werden kann. Der Grund für diese Engagement liegt sicherlich in meinem eigenen Sozialstionsprozess, der geprägt war von einem traditionellen Elternhaus, in dem die Verantwortung des Einzelnen für den Anderen nicht nur Theorie, sondern gelebte Praxis war. Das Erreichen einer verantwortlichen Position, in meinem Fall, stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde und Sozialdezernentin, versetzt mich in die Lage nicht nur Visionen zu haben, sondern diese Visionen auch in die Tat umsetzen zu können oder zumindest es zu versuchen. Die ist sicherlich ein positiver Aspekt. Verantwortung zu übernehmen löst bei mir keine negativen Eindrücke aus, im Gegenteil. Dinge, von denen ich überzeugt bin, vehement und mit vollem Einsatz voranzutreiben, sie mit Zielstrebigkeit zu verfolgen und zur Umsetzung zu bringen, darin sehe ich einen Weg, mich für die Gemeinschaft, für die Menschen der Jüdischen Gemeinde einzusetzen. Diese Chance hat meiner Meinung nach nichts Frauenspezifisches an sich, denn diese Chance hat jeder, der sich an verantwortlicher Stelle einbringt. Warum löst der Begriff Macht bei
mir negative Empfindungen aus? Ist den Herren der Schöpfung der Umgang mit Macht vielleicht selbstverständlicher, übt er gar eine besondere Faszination auf sie aus? Sind es vielleicht die Verbindungen und Netzwerke, die von Männern schon frühzeitig gepflegt werden, die ihnen helfen, Machtstrukturen zu entwickeln? Ist es mein Harmoniebedürfnis, nicht gegen den Willen Anderer zu handeln, sondern sie vielmehr argumentativ zu überzeugen? Gerade jetzt, zu diesem Zeitpunkt hat sich das Gemeindeparlament aufgelöst. Neuwahlen stehen vor der Tür, wir befinden uns mitten im Wahlkampf, gerade jetzt versuche ich meine Arbeit und meinen Einsatz einer Selbstüberprüfung zu unterziehen. Was wollte ich, was habe ich erreicht, welche Fehler habe ich gemacht, wie orientiere ich mich? Mit dem Erreichen einer verantwortlichen Position, des Umsetzens von Ideen und der Übernahme der Verantwortung, wird man gleichzeitig auch angreifbar. Nicht immer sind diese Angriffe substantiert, häufig genug geschehen sie aus politischem Kalkül, nicht selten gehen sie unter die Gürtellinie. Vor etwa einem halben Jahr fand hier in Berlin eine Konferenz zur Gründung eines Frauennetzwerkes statt. Von der Entstehung der Idee bis zur Realisierung des Treffens habe ich die Organisatorinnen mit Rat und Untestützung begleitet. Mir ist klar, dass wir Frauen oftmals als Einzelkämpferinnen auftreten und es notwendig ist, mehr Frauen für die Gemeindepolitik zu interessieren. In Berlin sind nur vier Frauen im 21-köpfigen Gemeindeparlament vertreten, davon nur eine im Vorstand. Ziel muss es sein, mehr Frauen in verantwortliche Positionen zu bringen. Ob sich an den bisherigen Strukuren, an der Streitkultur, an dem Einsatz für die Sache, und zwar im praktischen Sinne, nicht in der Diskussion darüber etwas ändern wird, vermag ich nicht vorauszusagen, aber ich hoffe es. Cynthia Kain - stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sozialdezernentin, ehemalige Vorsitzende der WIZO-Aviv Deutschland |
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