Journal 3 in 2003
Macht und Verantwortung

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Gabriele Brenner
Im Krabbenkorb

Über das gespaltene Verhältnis von Frauen zur Macht – „Frauen sind Frauen, die zu ihrer Stärke stehen, unheimlich“

Ist Macht weiblich?

Die Frage ist auf den ersten Blick gesehen einfach zu beantworten. Natürlich ist „Macht“ weiblich, das sagt schon der Artikel „die“ Macht. Doch genau dazu hat frau ein sehr gespaltenes Verhältnis, das wurde in vielen Vorträgen oder Diskussionen deutlich, teils ganz offen, teils verdeckt – eben genauso, wie Frauen Macht definieren und sie ausüben.

Zunächst fiel wieder auf, dass das Wort alleine schon beträchtliches Unbehagen bei manchen Teilnehmerinnen auslöste. Das ist weiter nicht ungewöhnlich, denn genau dadurch hat sich „Macht“ schon immer männlich definiert und Frauen haben diese Definitionsweise unbewusst übernommen. Macht macht Probleme, schon bei der Definition.

Von Frauen wird sie als meist als hart und manipulativ verstanden, ein Bereich, der absolut in die Männerdomäne gehört.

Damit macht es sich frau aber eindeutig zu leicht, denn auch sie besitzt Macht, setzt diese auch ein, doch meist verdeckt, kaschiert und lenkt somit Erhebliches, aber aus der zweiten Reihe und unter Gegebenheiten, die für beide, Mann und Frau nicht zuträglich sind. Ich denke, verdeckt ausgeübte Macht ist in ihren Auswirkungen wesentlich gefährlicher als offene Macht.

Wer Macht nicht übernimmt, nimmt auch nicht die Verantwortung für das, was geschieht. Und ich denke, es geschieht ganz erhebliches zur Zeit in den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Und nicht nur da ist es an der Zeit, dass Frauen Macht und Verantwortung gleichermaßen übernehmen, offen und dazu auch stehen. Es ist geradezu zwingend notwendig, denn wenn Frauen nicht ihren Anteil von Macht und Verantwortung selbstverständlich einfordern, können Männer nicht ihren anderen Anteil daran nehmen. So erleben sich diese doch oftmals in ihren Machtentscheidungen nicht so selbstsicher und bewusst, wie es nach außen den Anschein hat.

Wie in modernen gut funktionierenden Wirtschaftsunternehmen auch, gehört auch hierhin das „gemischte Prinzip“, Frauen und Männer müssen in Führungspositionen ihre Stärken in der Macht gleichermaßen einbringen, sollen sie der Verantwortung gerecht werden.

Was aber erlebt frau meist in den Führungspositionen der Gemeinden? Häufig wird darauf hingewiesen, wie „fortschrittlich“ man hier doch sei. Viele Führungspositionen, zumeist in kleinen und mittleren Gemeindeleitungen seinen von Frauen besetzt.

Stimmt – haben sie also wirklich die Macht übernommen, haben wir es nur alle nicht gemerkt?

Nein, sie haben die Macht nicht. Sie haben die Verantwortung übernommen in Zeiten, als die Gemeinden von den Zuwanderern überschwemmt wurden und es darauf ankam, gerade kleine Gemeinden davor zu bewahren, in das Chaos von Unstrukturiertheit und Auflösung zu verfallen. Frauen hier die Macht zu geben – so behaupte ich – wäre aber nie der Fall gewesen, wenn zu diesen Zeiten nicht in den meisten Gemeinden die Vorstände total überaltert und auch überfordert gewesen wären.

Die Macht haben Frauen noch lange nicht, dazu stehen sie sich auch selbst viel zu sehr im Weg. Schon dadurch, dass sie Macht als negativ beschreiben und dadurch ihre Bauchschmerzen im Umgang damit ausdrücken. Zudem ist es wie in allen Bereichen eine offene Tatsache von der letztlich die Männer profitieren:

· Frauen wählen keine Frauen

· Frauen sind Frauen, die zu ihrer Stärke stehen unheimlich.

Das Beispiel vom Krabbenkorb sei hier angesprochen. Krabbenfänger brauchen ihre Fangkörbe mit den Krabben nicht abzudecken. Keine der Krabben wird den Korb verlassen, denn wenn eine dies versucht, holen die anderen Krabben sie wieder zurück. So funktioniert es auch, wenn Frauen in Leitungspositionen und damit Macht und Verantwortung offen übernehmen wollen, ihre Geschlechtsgenossinnen neiden ihnen das. Nichts bedroht mehr, als eine fähige Frau.

In Krisenzeiten der Gemeinden reagieren Frauen genau wie im normalen Leben, vielschichtig und multifunktional. Vieles erledigt sie gleichzeitig, und genau darauf hat man auch hier zurück gegriffen. Frauen haben Leitungen selbstverständlich genommen und ihre Erfahrungen konstruktiv eingebracht. Je nach Frau kam es darauf an, ob und in wie weit sie dafür von den Gemeindemitgliedern in Frage gestellt wurde.

Was jedoch symptomatisch ist, ist die Tatsache, dass je mehr sich die Gremien nach oben hin in Machtstrukturen zuspitzen, Männer wieder unter sich sind. Dies ist ähnlich wie in der freien Wirtschaft könnte man einwenden und doch ist es anders.

In der freien Wirtschaft begreift man zumindest langsam, dass es nur von Vorteil sein kann, wenn man Frauen in Führungsriegen mit einbindet und das weibliche Prinzip somit optimal nutzen kann. Hier sind sich Frauen auch meist ihrer spezifischen Fähigkeiten bewusst.

In den Verbänden sieht die Sache jedoch anders aus. Hier dominiert noch die „Alibifrau“, die meist zum Vorzeigen da ist, der einige Aufgaben zugesprochen werden – nicht von ungefähr meist sozialer Art, die repräsentiert.

Doch was hier sich schlimmer auswirkt auch für die bestehenden Machtstrukturen, diese Frauen wollen zumeist die besseren Männer sein und verfolgen damit genau männliches Machtdenken, ohne sich der eigenen weiblichen Machtpositionen bewusst zu sein und diese auch fordernd zu fördern.

Dabei ist es in unserer heutigen Zeit wirklich an der Zeit, dass auch Frauen Machtbereiche übernehmen und diese mit Verantwortung ausfüllen. Nur so können Frauen auch darüber wachen und prüfen, wie Männer ihre Macht nutzen.

Wieso besinnen wir jüdischen Frauen uns nicht auf unseren weiblichen Teil der jüdischen Geschichte auf die Verantwortung, die schon unsere Stammmütter angenommen haben, auf die Macht, die Richterinnen besessen und ausgeübt haben, darauf wie bewahrend und schützend sich weibliche Macht für alle bewährt hat?

Ich denke, es wäre an der Zeit, dass wir uns gegenseitig stützend in die Positionen befördern, in denen wir verantwortungsvoll die Zukunft gestalten können und zwar – mit Macht.

Gabriele Brenner - Germanistin, Historikerin und Sozialwissenschaftlerin, seit 1995 Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Weiden (BRD), engagiert in Migrationsarbeit, Erwachsenenbildung, sozialen und psychosozialen Bereichen

Gabriele Brenner - studied German literature, history and social sciences, president of the Jewish community of Weiden (Germany) since 1995, strong engagement in the integration of immigrants, adult education and social work

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