Journal 3 in 2003
Macht und Verantwortung

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Von Jael Geis
Eine subjektlose Wissenschaft als Machtmittel

Für mich gibt es immer noch Bereiche, in denen deutsche Nicht-Juden Macht über Juden ausüben. Ich meine hier nicht die Staatsmacht oder die in jeder menschlichen Beziehung wirksame Macht, beim Gegenüber eine Reaktion, im besseren Fall eine Antwort, hervorrufen bzw. verweigern zu können. Als Historikerin denke ich hier an geistes- und sozialwissenschaftliche Arbeiten, die sich mit jüdischer Geschichte und Kultur befassen.

Wie Elias Canetti in Masse und Macht ausführt, sind berühren, ergreifen, sich einverleiben, verdauen bzw. sich nicht ergreifen lassen "Urformen" von Macht, die im seelischen und geistigen Bereich ihr Pendant haben. Insofern ist auch jede Forschung ein Machtverhältnis. Gerade wenn Menschen und ihre "Produkte" Forschungsobjekt sind, und wenn diese Menschen in Geschichte und/oder Gegenwart Opfer von Verfolgung, Unterdrückung und in dem Fall, um den es hier geht, von Vernichtung waren, wünsche ich mir als Nachkomme der betroffenen Generationen, dass die Forschungssubjekte transparent machen, wo sie selbst in dieser Geschichte stehen. Die Beschäftigung mit Juden und Judentum beantwortet diese Frage nicht per se, mit der Auswahl dieses Forschungsgegenstandes steht man nicht automatisch "auf der richtigen Seite".

Die fast unvermeidliche Verwicklung deutscher Familien während des nationalsozialistischen Regimes ist an sich kein Hinderungsgrund, sich mit jüdischer Geschichte und Kultur zu beschäftigen. Außenstehende sehen oft besser als Menschen, die mittendrin stecken. Und wenn sie nicht besser sehen, vielleicht sehen sie etwas anderes. Aber auch wenn nicht-jüdische Deutsche Außenstehende sind, wenn es um Judentum und jüdisches Leben in Geschichte und Gegenwart geht, so gibt es viele Bereiche, in denen "innen" und "außen" nicht so säuberlich abzugrenzen sind. Außerdem macht die o. g. Verwicklung aus nicht-jüdischen Deutschen auf ihre Weise "Innenstehende", z. B. als ehemalige Wehrmachtsoldaten, als Kind oder EnkelIn von Täter-, Zuschauer- oder WiderstandskämpferInnen, die meisten in der einen oder anderen Weise, direkt oder indirekt, in dem Prozess der Vernichtung der europäischen Juden involviert.

Wie sollte wohl solch ein Geschehen die Sicht auf Juden nicht beeinflussen?

Dass so viele nicht-jüdische Deutsche, die zu jüdischer Geschichte und Kultur arbeiten, eine Reflexion ihres Standortes nicht als Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeit sehen, sich vielmehr selbst auf Nachfrage bedeckt zu halten versuchen, macht es mir als Forschungsobjekt schwer, mich und meine Vorfahren im weitesten Sinn nicht wie Exemplare in jemandes Schmetterlingssammlung zu empfinden, sprich wie Gegenstände und Daten, die "andere" handhaben und benutzen.

Dass diese Selbstreflexion hierzulande so selten zu finden ist und/oder nicht genauso öffentlich gemacht wird wie die Forschungsergebnisse, ist dem Zusammentreffen zweier Umstände geschuldet, die beide die gleiche Quelle haben dürften: den Nationalsozialismus selbst. Sich zu überlegen, ob und wie der SS-Großvater etwas mit dem eigenen Interesse an Juden und Jüdischem zu tun hat, gilt aufgrund des üblichen Wissenschaftsbegriffs weder als notwendig, geschweige denn als wünschenswert. Im Gegensatz zum anglo-amerikanischen Raum ist in Deutschland in den Geistes- und Sozialwissenschaften immer noch ein Wissenschaftsbegriff vorherrschend, in dem Ich nicht vorkommen darf. Nur eine subjektlose Wissenschaft ist angeblich eine objektive Wissenschaft. Diese angeblich objektive, weil subjektlose Wissenschaft, eignet sich zum Machtmittel, weil sie sich nicht durchschauen lassen will, sondern wesentliche Daten, die in die wissenschaftliche Arbeit eingehen, durch Schweigen schützt. Den eigenen Standort innerhalb eines Forschungsprojekts transparent zu machen, hat die gleiche Funktion wie eine Fußnote, nämlich die Erkenntnisquellen nachvollziehbar zu machen. Mehr Offenheit würde eigene Grenzen sichtbar machen und somit die Definitions- und Interpretationsmacht der ForscherIn reduzieren.

Dr. Jael Geis – Historikerin in Berlin, Autorin von“Übrig sein – Leben danach’“

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